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Brich alle Regeln. Mach Worte zu Waffen. Riskier dein Leben für die Liebe.

Er liebt die Freiheit, die Frauen und das geschliffene Wort. Ende des 12. Jahrhunderts beginnt ein Mann, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu prägen: Walther von der Vogelweide raubt dem Minnesang die Keuschheit, spottet über Fürsten und klagt selbst Kaiser und Papst mit spitzer Zunge an, obwohl in dieser gefährlichen Zeit jeder ketzerische Gedanke den Tod bedeuten kann. Immer wieder kreuzt dabei eine ungewöhnliche Frau seine Wege: Die Ärztin Judith ist manchmal seine Gegnerin, manchmal seine Verbündete – und wie er immer entschlossen, die Welt zu verändern. Spannend, emotional, hautnah: Das deutsche Mittelalter-Epos!

 

Das Spiel_der_Nachtigall 

Autor: Tanja Kinkel 
Verlag: Droemer
Erschienen: 2. November 2011
ISBN: 978-3-426-19818-6
Seitenzahl: 928 Seiten

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Die Grundidee der Handlung
Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230) macht sich 1192 auf nach Wien, um am Hof des Herzogs von Österreich ein Minnesänger zu werden. Aber was er dort bei dem berühmten Dichter Reinmar lernt, genügt ihm schon bald nicht mehr, zu keusch und langweilig erscheinen ihm die althergebrachten Lieder, die nur die unerfüllte Liebe als die einzig Wahre besingen. Walther beginnt, seine eigenen Verse zu schreiben, die von Liebes- und Lebenslust handeln - und hat Erfolg damit.
Im Deutschen Reich herrscht Krieg. Der Kampf um die Krone zwischen Staufern und Welfen dauert schon Jahre. Ein Ende ist nicht in Sicht, da die Reichsfürsten und sogar der Papst mal die eine und mal die andere Seite unterstützen, je nachdem, welche ihnen den meisten Vorteil bringt. Leidtragend ist das Volk, das für die hohen Kosten schuftet und hungert. Walther schaut den Leuten „auf´s Maul“ und beklagt in seinen Liedern das Verhalten der Herrschenden, selbst vor Kaiser und Klerus nimmt er kein Blatt vor den Mund. Als fahrender Sänger zieht er durch das Reich, singt seine Lieder an den Höfen der Vornehmen und in den Wirtshäusern der einfachen Leute und begegnet dabei immer wieder der jüdischen Ärztin Judith, mit der ihn – allen Widerständen zum Trotz – bald eine tiefe Liebe verbindet.

Tanja Kinkel erzählt Walthers bewegtes und bewegendes Leben und dokumentiert dabei ein faszinierendes Kapitel deutscher Geschichte.


Stil und Sprache
Als Beobachter von außen erlebt der Leser die Handlung hauptsächlich aus der Perspektive der beiden Hauptfiguren – Walther und Judith –, aber wo es zum besseren Verständnis der geschichtlichen Hintergründe notwendig erscheint, schildert Tanja Kinkel auch Szenen, die sich in deren Abwesenheit oder an anderen Orten abspielen, z.B. Gespräche zwischen König Philipp und seinen Ratgebern oder die Zusammenkünfte der Kölner Kaufleute. Auf diese Weise hält sie ihr Publikum stets auf Höhe des Geschehens und erzählt ihre Geschichte stimmig und ohne Brüche.
Man merkt, dass die Autorin sich wirklich mit dieser Zeit auseinander gesetzt hat, immer wieder sind interessante Erklärungen und Beschreibungen des damaligen Alltags eingestreut - über das höfische Leben, die Stellung der Frauen, die Gesetze der Kirche, das Unrecht gegenüber den Juden, die Medizin und vieles mehr – aber alles, um die Handlung voranzutreiben und ohne aufgesetzt oder gar belehrend zu wirken.

Tanja Kinkel hat in ihrem Roman 17 von Walthers Versen/Liedern verarbeitet. An Stelle der mittelhochdeutschen Originale hat sie – nach eigener Aussage – „…auf Übertragungen seiner Texte aus dem 19. Jahrhundert zurückgegriffen und diese, wo es mir nötig erschien, an den heutigen Sprachgebrauch angepasst.“ Auf dieser Basis beschreibt die Autorin die mittleren 20 Jahre aus Walthers Leben, als er durch seinen Beruf das ganze riesige Reich bereiste und im Umkreis von Kaisern, Königen und hohen Herrschaften von Adel und Kirche den Kampf um die deutsche Krone hautnah miterlebte – und durch sein Werk sogar selbst ein wenig Einfluss darauf nahm. Die Sprache ist der Zeit angemessen, je nach Situation höfisch-höflich, aber auch mal deftig-derb und der Wortwitz, den Walthers Verse versprühen, findet sich auch in seiner Rede wieder.


Figuren
Walther von der Vogelweide ist der berühmteste Sänger und Dichter des Mittelalters. Über ihn persönlich ist nur wenig bekannt, tatsächlich wird sein Name nur einmal erwähnt und zwar im Rechnungsbuch des Bischofs Wolfger von Passau, der im November 1203 „Dem Sänger Walther von der Vogelweide für einen Pelzrock fünf Schillinge“ auszahlte. Walthers umfangreiches Werk sagt aber sehr viel über ihn aus, unter anderem wo und bei wem er sich zu bestimmten Zeiten aufgehalten und für wen er seine Lieder geschrieben hat. Aber man kann – und Tanja Kinkel tut das – daraus auch auf seine Charaktereigenschaften schließen. In einer Zeit, als „Majestätsbeleidigung“ als todeswürdiges Verbrechen und ein allzu offenes Wort gegen den Papst als „Blasphemie“ galt, brauchte es schon ziemlich viel Mut – oder Unverfrorenheit – auf Kaiser und Klerus Spottlieder zu singen, und sicher auch Glück, dabei seinen Kopf zu behalten.
Mut und Glück braucht auch die fiktive Jüdin Judith, die in dieser männerdominierten Zeit schon als Frau - noch mehr aber durch ihren Glauben - benachteiligt ist, es aber trotzdem schafft, sich ihren Herzenswunsch zu erfüllen und sich in Salerno zur Ärztin ausbilden zu lassen. Dort durften Frauen tatsächlich schon im 12ten Jahrhundert Medizin studieren. Als Magistra in Diensten der Prinzessin Irene von Byzanz - Braut des designierten deutschen Königs Philipp von Schwaben - gerät auch Judith in die Kämpfe und Intrigen zwischen Welfen und Staufern und muss sich gegen beide Seiten und sogar gegen ihre eigene Familie schützen und behaupten.

Viele Personen in diesem Buch haben wirklich gelebt und einige davon gehörten zu den mächtigsten ihrer Zeit und hatten großen Einfluss auf die Geschicke des Deutschen Kaiserreiches, das sich im 12ten Jahrhundert von der Ostsee bis Sizilien ausdehnte. Tanja Kinkel beschreibt sie mit ihren Fehlern und Schwächen, aber auch mit ihren guten Seiten so lebendig, glaubwürdig und menschlich - dabei so nah an die historisch belegten Fakten angelehnt -, dass der Leser sie buchstäblich vor sich sieht, ihre Sorgen und Freuden teilen und ihre Handlungen – zwar nicht immer gutheißen – aber zumindest nachvollziehen kann.


Aufmachung des Buches
Das dunkelrote Hardcover enthält auf den inneren Buchdeckeln zwei Karten des Deutschen Reiches (vorn), und des Deutschen Reiches mit dem Kirchenstaat und dem Königreich Sizilien (hinten) um das Jahr 1200, auf denen die wichtigsten Orte der Handlung besonders hervorgehoben sind. Von den 41 Namen im Personenverzeichnis am Anfang sind 30 historisch verbürgt.
Auf den Prolog von 1192 folgen sieben datierte Teile, die 46 Kapitel enthalten und einen Zeitraum von 20 Jahren umfassen. Ein geschichtliches Nachwort der Autorin, eine Bibliographie und ein Hinweis zur Website des Buches beim Droemer Verlag – wo der interessierte Leser sich ausführlich über die Recherchen zur Handlung informieren kann – beschließen das Buch.

Der Schutzumschlag ist ein kleines Kunstwerk und verdient besondere Aufmerksamkeit. Auf naturfarbenem Strukturpapier ist - wie mit einer Schablone - ein regelmäßiges Blumenmuster in etwas dunklerem Ton eher schemenhaft aufgedruckt. Das vordere Cover zeigt oben in erhaben geprägten, blauen Hochglanzbuchstaben den Namen der Autorin, darunter steht in roten Lettern der Buchtitel und zwar ein Teil davon innerhalb des vierlinigen Notensystems, das im 12ten Jahrhundert gebräuchlich war. Die bunte Abbildung daneben stellt eine Illustration aus der Gutenbergbibel von 1456 dar, ein sogenanntes „Federspiel“, ein Werkzeug, das bei der Jagd mit Greifvögeln verwendet wurde - man versteht darunter eine lange Schnur,  auf der Vogelflügel befestigt sind, um den fliegenden Jäger damit zu seinem Herrn zurück zu locken. Eine Anspielung auf die Hauptperson des Buches, denn auf einer „Vogelweide“ oder Vogelwiese wurden die Tiere zur Beizjagd abgerichtet.
Auf dem Buchrücken stehen der Name der Autorin und der Titel in gleicher Gestaltung wie vorn, darüber sieht man einen Vogel im Flug. Die Rückseite zeigt unter dem Klappentext zwei Liebende in inniger Umarmung. Die höfische, mittelalterliche Kleidung - besonders die kostbare Purpurfarbe - lässt darauf schließen, dass es sich um ein vornehmes und reiches Paar handelt.
Ein blaues Lesebändchen vervollständigt die schöne Ausstattung des Buches.


Fazit
Wie Tanja Kinkel das Wenige, was von Walther bekannt ist, mit dem tatsächlichen - hervorragend recherchierten - historischen Hintergrund zu einer spannenden, glaubwürdigen und sehr berührenden Geschichte verbindet, ist wirklich faszinierend. Mich hat dieser Mann, der vor so vielen hundert Jahren lebte, durch seine Intelligenz, seinen Witz, vor allem aber durch seinen Mut zutiefst beeindruckt. Ein wunderbares Buch, das ich sehr gern weiterempfehle.


5 Sterne 


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