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Portsmouth, England, 1336. Der schwelende Konflikt zwischen England und Frankreich verhilft der Hafenstadt zum Aufschwung. In dieser Blütezeit hält die lebenslustige Dorothy Hochzeit mit Symond, dem hübschen Sohn des visionären Schiffsbauers Aimery Fletcher. Voller Zuversicht sieht sie ihrem neuen Leben entgegen, doch schon bald zerbricht ihr Traum vom Glück, denn Symond entpuppt sich als Frauenheld und Luftikus. Als französische Kriegsschiffe die Stadt in Schutt und Asche legen und Dorothys kleiner Sohn in der Feuerbrunst stirbt, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung Aimery zu. Sie ist die erste Frau, die sein vor Trauer verwundetes Herz berührt, seit er als angeblicher Mörder seiner Gattin geächtet ist. Wird es ihnen gemeinsam gelingen, in der nun von Krieg und Pest gebeutelten Stadt zu überleben?

 

Das Haus Gottes  Autor: Charlotte Lyne
Verlag: Bertelsmann Club
Erschienen: 10/2008
ISBN: keine, da bisher nur im Bertelsmann-Club erhältlich
Seitenzahl: 656 Seiten


Die Grundidee der Handlung
Charlotte Lyne hat hier all ihr Wissen über den damaligen Schiffbau, die Härte des Krieges und den Überlebenskampf der Menschen im 14. Jahrhundert ausgeschöpft. Nicht Sprache, Figuren, gut recherchierte Geschichte oder das Leben an sich im einzelnen waren ihr wichtig dem Leser näher zu bringen, sondern alles zusammen in einem perfekt harmonischen Gesamtpaket zu verschnüren ist ihr hiermit gelungen. Das Buch ist keine Aufzählung geschichtlicher Ereignisse, keine einfache Wiedergabe des Alltagslebens und schon gar keine rührende Liebesgeschichte. Mit diesem Buch schaffte die Autorin – wahrscheinlich sogar unbewusst – einen Roman mit einer Intensität in allen Bereichen, das ihre Liebe zum Schreiben, ihren Bezug zu England und vor allem ihre Gabe Geschichte zum Leben zu erwecken, für den Leser so spürbar und greifbar macht, wie es sonst nur ein hervorragender Film mit ebensolchen Schauspielern vermag. Ein gewaltiges Epos, welches in der Fülle historischer Romane seinesgleichen sucht.


Stil und Sprache
Melancholisch, schwermütig und mitunter sogar düster wird man in einem immer tiefer werdenden wahren Sog in das Buch katapultiert, in dem nur von Zeit zu Zeit die Sonne durchblitzt, die aber immer wieder darum kämpft, sich durchzusetzen. 
Es ist nichts zu sehen von überirdischen weiblichen Schönheiten mit wallendem, seidenem Haar und blitzend blauen Augen, deren perfekter Körper alle Männer um den Verstand bringen und auch tollkühne, heldenhafte und adonisähnliche Männer wird man vergeblich suchen. Ungewöhnlich, kraftvoll und mit einer Flut mitreißender, perfekter und immer den wunden Punkt treffender Sprache durchwandert, nein durchschwimmt man als Leser eine schier unglaublich packende Geschichte, die einen nicht mehr loslässt.
Dieses Buch ist kein gewöhnlicher historischer Roman, sondern eine bildliche Wiedergabe knallharter Realität. Nichts wird beschönigt und oft zweifelt man beim Lesen am eigenen Verstand, so prägen dich die Ereignisse in das eigene Ich und setzen sich dort fest. Charlotte Lyne nimmt den Leser mit nach Portsmouth, führt ihn an das Meer zum Solent, zeigt ihm das harte Leben der Menschen, die nicht hochgeboren und privilegiert sind, zerrt ihn mit in den unbarmherzigen Krieg und lässt ihn hautnah alles spüren und erleben.
Keine rücksichtsvolle, zurückhaltende und nur aus Andeutungen bestehende Sprache - um der oft brutalen Realität die Schärfe zu nehmen – sondern in einer Offenheit, die das 14. Jahrhundert nochmals zum Leben erweckt.
Die Sprache, die Wortwahl, der Aufbau der Geschichte, ebenso wie alle Figuren und deren Erlebnisse sind eine Vielzahl an kleinen Flüssen die eine Unmenge an Hindernissen wie kleine Steine, große Felsen oder auch Wehren zu überwinden haben. Aber letztendlich münden sie alle an derselben Stelle: dem Meer des Lebens, wo sie sich zu einer gewaltigen und mächtigen Einheit verbinden, das im ewigen Auf und Ab die Welt bestimmt.


Figuren
Man leidet schimpft und flucht mitunter, da man sich als Leser mit so mancher Szene nicht arrangieren mag, man legt das Buch zur Seite, um das Gelesene gedanklich nochmals durchspielen zu können, man hinterfragt die Gedankengänge der Figuren, man resigniert manchmal, da man den Handelnden nicht verstehen will und nachvollziehen kann – und doch liebt man jedes einzelne Wesen in dieser Geschichte, da sie einem so real und wirklich erscheinen, als kenne man sie schon seit Jahren. Da ist „der Schwarze“, Aimery der Schiffsbauer mit den begabten Händen, der in selbstzerstörerischer Weise sein Dasein fristet um seine Schuld zu sühnen und sich noch mehr vermeintliche Schuld auflädt und jedem nur mit scheinbarer Kälte und Gleichgültigkeit begegnet. Da ist Dorothy, die in jugendlicher Naivität und Unwissenheit mit ungetrübter Freude der Zukunft entgegen sieht und sich plötzlich mit Zynismus, Resignation und Ignoranz konfrontiert sieht.
Die Suche nach Liebe und Geborgenheit, nach Nähe und Zuneigung, nach Verständnis und Vertrauen, werden von der Macht des Hasses, der Eifersucht, des Neides, der Schuldgefühle und auch der Dummheit der Menschen und der Selbstzerstörung unterdrückt.
Es wäre zu banal zu sagen, die Autorin habe die Figuren mit Stärken und Schwächen ausgestattet, denn sie hat sie analysiert, ihr Seelenleben zergliedert und die Ergebnisse dem Leser präsentiert, der nun versuchen muss, diese richtig einzuordnen. Es ist nicht wichtig wie die Protagonisten und die Antagonisten sind, sondern weshalb sie so erscheinen und handeln. Nicht das nach außen hin Sichtbare der Charaktere ist hier gefragt, sondern die Summe vieler kleiner Ereignisse im Lebenslauf jedes einzelnen.


Aufmachung des Buches
Dem Bertelsmann Verlag ist mit dieser Ausgabe ein absolut augenfälliges Buch gelungen!
Der kartonierte Umschlag ist in weichem, sattem chamois gefärbt und nur am Buchrücken findet man in roter Schrift Autor und Titel geprägt.
Die dominierende Hintergrundfarbe des Schutzumschlages ist wiederum chamois und nur in ganz blassem rot sind auf der Vorder- und Rückseite - transparent erscheinende -Schriftzeichen zu erkennen. Autor und Titel sind mittig auf der Vorderseite gedruckt, sodass genügend Platz ist, um darüber die angedeutete, aquarellierte Ansicht eines Hafens (Portsmouth?) zu zeigen, in dem Segelschiffe vor Anker liegen. Unterhalb des Titels sind noch die Portraits zweier Figuren im Stil der Renaissance, in weichen und passenden Farben, zu sehen.
Das Buch ist in zehn Teile untergliedert und gleich zu Beginn verfasste die Autorin selbst einen Brief an ihre Leser und diese persönliche Note wird von einem Foto von Charlotte Lyne noch unterstrichen. Ein ausführliches Glossar und ein rotes Lesebändchen machen diese schöne Ausgabe zu einem Schmuckstück in jedem Bücherregal.


Fazit
Dieses Buch gleicht einem Edelstein unter Kristallen! Anspruchsvoll, mitreißend, hervorragend recherchiert und mit einer kraftvollen und authentischen Sprache. Dieses wunderbare Buch hebt sich in der Fülle der angebotenen historischen Romane nicht nur heraus, sondern überflügelt die Menge wahrlich.
Wer keine seichte und schön gezeichnete Unterhaltung will, sondern realistische, empathische und starke Geschichte sucht, wird dieses Buch lesen, lieben und hüten wie einen Schatz.
Für Liebhaber des anspruchsvollen historischen Genres nicht nur eine Empfehlung, sondern ein muss.


5 Sterne


Hinweise
Dieses Buch ist bei amazon nicht erhältlich.

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