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Der neue historische Roman der Spiegel-Bestsellerautorin Tanja Kinkel führt zurück in das neunzehnte Jahrhundert und verbindet märchenhaftes Setting und historische Spannung mit einer grausamen Mordserie: Aus Grimms Märchen werden Grimms Morde. Die langjährige Mätresse des hessischen Kurfürsten wird bestialisch ermordet. Kurz danach gibt es einen weiteren Toten. Die einzigen von der Polizei vorgefundenen Hinweise führen zu den Gebrüdern Grimm und zu den Schwestern von Droste zu Hülshoff. Die Grimms sind Verdächtige. Nur die Zusammenarbeit der ungleichen Geschwisterpaare kann die Wahrheit über Morde und Märchen an den Tag bringen. In einer Zeit, wo die Errungenschaften der Freiheitskriege verloren gehen, Zensur und Überwachung in Deutschen Fürstentümern wieder Einzug hält, müssen die vier sich dafür Verwicklungen aus der Vergangenheit stellen, um die Rätsel der Gegenwart zu lösen.

 

Grimms Morde 

Autor: Tanja Kinkel
Verlag: Droemer HC
Erschienen: 2. Oktober 2017
ISBN: 978-3426281017
Seitenzahl: 544 Seiten

 


Die Grundidee der Handlung
„Grimms Märchen“ sind in der deutschen Literatur seit über 200 Jahren ein Begriff. Ganze Generationen von Lesern sind mit den „Kinder- und Hausmärchen“ groß geworden, die von Jakob und Wilhelm Grimm gesammelt und heraus gegeben wurden. Weniger bekannt dürfte sein, dass zu den Personen, die zu diesem Werk beigetragen haben, auch die Schwestern Jenny und Annette von Droste zu Hülshoff gehörten. Sie haben unter anderem die Geschichte von den „Drei schwarzen Prinzessinnen“ zu der Sammlung beigesteuert und ausgerechnet ein Zitat, sowie weitere Tatmerkmale daraus spielen bei einem brutalen Mord in Kassel im Jahre 1821 eine Rolle und lassen die zwei Brüder verdächtig erscheinen. Wenig später gibt es einen weiteren Todesfall, wieder mit Bezug zu einem der Märchen.

Tanja Kinkel macht sich die historisch verbürgte Bekanntschaft dieser beiden berühmten Geschwisterpaare zu Nutze und schildert interessant und spannend ihre Bemühungen, die grausamen Vorfälle aufzuklären und die Unschuld der Brüder Grimm zu beweisen.


Stil und Sprache
Kurhessen 1821: 8 Jahre, nachdem das von Napoleon gegründete „Königreich Westphalen“ wieder an den rechtmäßigen Fürsten, Wilhelm I. von Hessen-Kassel fiel, stirbt dieser und hinterlässt neben seinem legitimen Sohn und Nachfolger Kurfürst Wilhelm II. eine Vielzahl von Mätressen und außerehelichen Kindern. Eine davon – die Freiin v. Bachros -  wird 4 Wochen später ermordet aufgefunden. Hinweise an der Toten führen zu den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm, die als Bibliothekare im Dienst des jungen Kurfürsten stehen und durch die Veröffentlichung ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ bekannt sind. Der ältere Jakob hat während der Herrschaft von Napoleons jüngstem Bruder – Jérôme Bonaparte, König von Westphalen – an gleicher Stelle für die Franzosen gearbeitet, was ihm nun das Misstrauen der neuen Regierung einträgt. Die Zeit der Besatzung ist noch sehr präsent und Jakob muss um seine Anstellung und die Versorgung seiner Familie fürchten, die neben Wilhelm auch noch zwei weitere Brüder und die Schwester Lotte umfasst, die ihnen den Haushalt führt.

Tanja Kinkel hat sich sehr intensiv mit dieser Zeit auseinander gesetzt. 6 Jahre nach Napoleons endgültigem Sturz und der Neuordnung Europas beim Wiener Kongress hat sich viel verändert. Die westfälische Heimat der Schwestern Droste gehört nun zu Preußen, ein Umstand, an den sie sich auch erst einmal gewöhnen müssen. So ist auch immer wieder die Politik ein Thema dieses Buches und nimmt einen recht breiten Raum ein. Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die Forderungen, die der Kurfürst von Hessen-Kassel und auch alle anderen deutschen Fürsten – die sich zu den Siegern über Napoleon und Frankreich zählten – auf Rückerstattung von Beutegut und  Reparationszahlungen geltend machen konnten. Gerade dieser Aspekt spielt für die Handlung eine große Rolle.

Der Leser erlebt alle diese Entwicklungen aus Sicht der beiden Geschwisterpaare, vorwiegend der Jakobs und Annettes, die – obwohl die jüngere der Schwestern – doch sehr viel mehr Eigeninitiative und Verstand zeigt, als Jenny, die eher dem „Idealbild“ einer Frau ihres Standes entspricht und dem, was ihre Familie von ihr erwartet. Die Sprache ist der geschilderten Zeit angepasst und liest sich sehr kurzweilig und flüssig. Tanja Kinkel gelingt es mühelos, ihr Publikum für ihre Protagonisten zu interessieren und vor allem die Dialoge zwischen Jakob und Annette interpretiert sie lebendig und sehr oft mit feinem Humor. 


Figuren
Die Hauptfiguren dieses Buches sind ganz eindeutig Jakob Grimm und Annette von Droste Hülshoff. Für eine Adlige ihrer Zeit – zwar verarmt, aber unleugbar vornehm – legt sie ein bemerkenswert unkonventionelles Benehmen an den Tag und findet bei hrer Familie dafür nicht eben viel Beifall. Ihre musikalische, vor allem aber dichterische Begabung trat schon früh zu Tage und wurde bis zu einem gewissen Grad auch gefördert. Die Mutter war stolz auf ihre Gedichte und im Bekanntenkreis waren sie zu Festen und Feiertagen gern gesehen, aber ihr Traum, sich damit ein Einkommen zu verdienen und unabhängig zu werden, stieß auf großen Widerstand. Ihre Mutter ging sogar so weit, Annettes literarische Arbeiten einzuschließen und ihr Stiefonkel August – nur wenig älter als sie – beschloss, ihr einen „Dämpfer“ zu versetzen, um sie für ihren Eigensinn und ihren Freiheitsdrang zu strafen. Das gelang ihm so nachhaltig, dass dieses – historisch tatsächlich verbürgte - Ereignis ein wichtiges Thema dieses Buches ist und immer wieder angesprochen wird, wodurch sich die Spannung steigert, weil der Leser endlich erfahren will, was in Bökendorf – der Heimat von Annettes Mutter – tatsächlich geschehen ist und sie so sehr verstört hat, dass sie danach ein sehr gespaltenes Verhältnis zum Stiefonkel August von Haxthausen hatte. Trotzdem sieht er es aber als seine Pflicht an, seine Nichten nach Kassel zu begleiten und bei der Suche nach dem Mörder der Freiin zu unterstützen. Tatsächlich kann er ein paar wichtige Erkenntnisse beitragen, die einer Frau zu dieser Zeit nicht zugänglich gewesen wären.

Jakob Grimm weiß nicht so recht, was er von Annette halten soll. Einerseits bewundert er ihren klaren Verstand und ihre oft sehr vernünftigen Vorschläge, andererseits findet er genau das – im Kontext seiner Zeit – sehr unweiblich und kommt mit dieser Diskrepanz nur schwer zurecht. Wilhelm, der Jenny seit Jahren „aus der Ferne anbetet“, aber sie dabei so hoch über sich stellt, dass er nicht den Mut hat, sich zu ihr zu bekennen, merkt nicht, dass er sie dadurch verliert. Beide Brüder haben also mit der Liebe nicht viel Glück – zumindest, was die Damen von Droste betrifft. Wenigstens gelingt es dem Quartett mit vereinten Kräften, den Mordfall aufzuklären. Der Showdown kommt für den Leser etwas überraschend, ich gestehe, dass ich mit diesem Schuldigen nicht wirklich gerechnet habe, aber die Lösung erscheint mir letztendlich schlüssig.


Aufmachung des Buches
Das rote, gebundene Buch zeigt nur auf dem Rücken in Goldschrift den Titel, den Namen der Autorin und den Verlag. Auf ein Personenverzeichnis folgt ein Prolog, datiert mit „Ende März 1821“. Die 34 numerierten Kapitel verteilen sich auf 4 Abschnitte, die jeweils am Anfang mit 1 bis 2 Zitaten aus Aufzeichnungen und Briefen von Jakob und Wilhelm Grimm und Annette v. Droste eingeleitet werden. Ein kurzer Epilog, ein Nachwort der Autorin zu historischen Fakten und Fiktion, sowie eine Literaturliste beschließen das Buch. Der Umschlag ist wunderschön und – im Hinblick auf die Handlung – wirklich passend gestaltet. Er gleicht einem gewichtigen Dokument – wie sie früher durch Kuriere im diplomatischen Dienst überbracht wurden – auf dem man noch die Abdrücke der Verschnürung erkennt. An Stelle des Siegels prangt eine eckige goldene Oblate mit einem großen, verschnörkelten roten „M“ und einem schwarzen Wolf – als Symbol für das Böse – der auf der Rückseite noch einmal erscheint. Darüber steht in goldenen Lettern der Name der Autorin, darunter – etwas kleiner – der Titel.

Ein rotes Lesebändchen vervollständigt die schöne Ausstattung.


Fazit
„Grimms Morde“ ist nicht unbedingt – wie der Titel vermuten lässt – ein historischer Kriminalroman, sondern ein sehr sorgfältig recherchiertes und detailliert und lebendig gezeichnetes Abbild des frühen 19. Jahrhunderts. Das Buch hat mich wirklich begeistert und ich kann es uneingeschränkt empfehlen.

4 5 Sterne


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