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Dennis, ein ehemaliger Auftragskiller, wird nach fünfunddreißig Jahren Gefängnis in die Freiheit entlassen. Er glaubt an eine zweite Chance und sehnt sich nach einem friedlichen Leben. Dank seiner netten Nachbarn gelingt es Dennis trotz seiner Vergangenheit, die ihn noch immer verfolgt, ein ruhiges Leben zu führen.

Doch in der Hitze des Sommers begegnet er mehrmals einer weißen Jacht, die ihn in seinen Bann zieht. Eines Abends lernt Dennis die Frau an deren Steuer kennen und wird von dem glühenden Verlangen ergriffen, das Geheimnis zu enthüllen, das über ihr schwebt. Aber vielleicht sollten gewisse Geschichten im Dunkeln bleiben, will man das Risiko vermeiden, dass sie die Vergangenheit aufwühlen oder alten Wunden aufreißen …

 

Woman on the River 

Autor: Matthias Schultheiss
Illustration: Matthias Schultheiss
Verlag: Splitter
Erschienen: Juni 2013
ISBN: 978-3-86869-618-9
Seitenzahl: 62 Seiten
Altersgruppe: ab 16 Jahren (Empfehlung des Rezensenten)

Hier geht's zur Leseprobe


Die Grundidee der Handlung
Matthias Schultheiss‘ neueste Graphic Novel erzählt in einer poetisch anmutenden Sprache voller philosophischer Gedanken von der innersten Sehnsucht des Menschen nach Frieden – mit sich selbst und seiner Umwelt. In der abgeschiedenen Welt der Sümpfe, wo die Wirklichkeit sich in der heißen flirrenden Luft aufzulösen scheint, rückt diese uralte Sehnsucht für den ehemaligen Auftragskiller Dennis in greifbare Nähe, denn egal wer man vorher war oder was man getan hat, wird hier bedeutungslos.

Dass Dennis‘ Traum vom Glück äußerst fragil ist und schon bald wie eine Seifenblase platzen wird, ahnte ich eigentlich die ganze Zeit während des Lesens, dennoch konnte ich mich gegen die emotionale Wucht des tragischen Ausgangs nicht recht wappnen, sie haute mich förmlich um.


Beurteilung der Zeichnung / Textdarstellung
Dem ruhigen Erzählfluss passt sich das Artwork mit weichen Zeichenlinien und ineinanderfließenden Farbverläufen zwischen Gelb, Grün und Grau-Braun perfekt an. Und dort, wo der Text magisch und poetisch wird, verwandeln sich die Bilder zunehmend in surreale Welten, die die Grenzen zwischen Realität und Traum verwischen. Eine stille, abgelegene Sumpflandschaft irgendwo im Süden der USA könnte als Setting nicht besser gewählt sein, um die große Melancholie dieser Geschichte zu tragen. Matthias Schultheiss‘ Zeichnungen ähneln sowieso viel mehr spätimpressionistischen Gemälden großer französischer Meister als gängigen Comicstandards. In recht großen Panels gehalten, entfalten diese Bilder dementsprechend eine grandiose Wirkung auf den Betrachter.

Seine Personen zeichnet Schultheiss wie aus dem echten Leben gegriffen. Sein Anti-Hero Dennis ist ein in die Jahre gekommener Mann, träge geworden vom Nichtstun im Gefängnis, das breite Gesicht von Falten zerfurcht, der einst gutgebaute männliche Körper jetzt schlaff und übergewichtig. Die wesentlich jüngeren Nachbarn stellen dagegen ein Abbild der amerikanischen Provinz-Kleinfamilie dar: Erna blondiert und üppig proportioniert, aber herzlich und hilfsbereit, ebenso ihr Mann Eddy, ein gutmütiger Kerl mit Elvis-Tolle. Ihr Junge Linus freundet sich mit Dennis schnell an, die zwei werden unzertrennlich. Auf der anderen Seite ist da die mysteriöse Frau, in die sich Dennis verliebt. Wie ein unnahbarer Engel taucht sie eines Abends aus dem dunklen Regenschleier vor ihm auf, unwirklich und traumhaft schön. Sie passt nicht in diese Geschichte, will Matthias Schultheiss uns damit sagen – und er behält Recht, denn diese Frau führt Dennis an den Abgrund seiner Existenz.

Bis auf ein paar vereinzelte Stellen verzichtet Schultheiss auf die direkte Rede in Sprechblasen und erzählt seine Geschichte indirekt aus Dennis‘ Perspektive in knapp gehaltenen, eckig umrandeten Textblöcken. Man kann auch sagen, ein weiterer kluger Schachzug, um den künstlerisch hochwertigen Bildern die Hauptrolle in dieser Geschichte einzuräumen.


Aufmachung des Comics
Von der Art her ist dies zwar eine Graphic Novel, trotzdem wird sie bei Splitter im gängigen Comicformat (32,5 x 23 cm) verlegt, was der künstlerisch anspruchsvollen Illustration sowieso nur entgegen kommt. Bindung, Druck und Papier sind wie gewohnt von ausgezeichneter Qualität, allerdings fiel mir ein kleines Manko auf: ein Textblock ist versehentlich doppelt gedruckt, einmal auf Seite 17 und nochmal auf Seite 18.

Die Farben des Covers wirken gegen die dezente Kolorierung im Innenteil eine Spur zu schrill und psychedelisch, ansonsten gibt die Illustration den künstlerischen Stil von Matthias Schultheiss sehr gut wieder. Die hässliche Visage mit Hut ist Schultheiss‘ tragischer Anti-Held Dennis, die Frau im Boot wird ihm – wie soll es auch anders sein – zum Verhängnis.


Fazit
Die Vergangenheit holt einen ehemaligen Auftragsmörder wieder ein, als er es sich am wenigsten wünscht. Tragisches Märchen für Erwachsene in betörenden Bildern.


4 5 Sterne


Hinweise
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