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Mechthild Borrmann klein 


Mechtild Borrmann ist eine von Deutschlands bekanntesten Krimiautorinnen. Für „Wer das Schweigen bricht“ erhielt sie 2012 den deutschen Krimi Preis. Im selben Jahr erschien ihr neuster Roman „Der Geiger“. Diesen Krimi stellte sie am 22.4.2013 im Rahmen der Ludwigsburger Kriminächte vor und beantwortete vor der Lesung ein paar Fragen für die Leser-Welt.


Erst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Ihr neuster Krimi „Der Geiger“ erschien 2012 und Sie verbinden in ihm Ereignisse aus der Vergangenheit, beginnend im Jahr 1948, mit der Gegenwart. Was hat Sie zu dieser Kombination inspiriert?

Diese Idee, sich mit der Stalinzeit auseinanderzusetzen, ist in dem Buch „Wer das Schweigen bricht“ entstanden. In dem gibt es einen russischen Kriegsgefangenen und ich schreibe für meine Figuren immer einen ganzen Lebenslauf, damit ich ein Gefühl für diese habe und den Eindruck bekomme, ich kenne diese Person.

Ich hab ganz naiv gedacht, dass mit Ende des zweiten Weltkrieges alle Kriegsgefangenen mit Begeisterung nach Hause gegangen sind und während der Recherche erst erfahren, dass es für die russischen Gefangenen ganz anders war. Die sind teilweise direkt, wenn sie das Land betreten haben, in Straflagern verschwunden oder erschossen worden. Sie galten als Verräter. Was man ihnen vorgeworfen hat, war im Grunde, dass sie überlebt haben, denn in dem Moment, in dem sie sich ergeben haben, galten sie als Verräter. Ich war ganz überrascht, dass ich eigentlich nichts davon wusste und habe angefangen mich mit der Stalinzeit intensiv auseinanderzusetzen. Daraus ist der Geschichtsteil von „Der Geiger“ entstanden.

Zum anderen Teil ... ich hatte lange ein Restaurant und da arbeiteten auch eine Kellnerin und ein Koch, die aus Kasachstan kamen und wir haben immer, wenn wir Feierabend gemacht haben, ein bisschen was über uns erzählt. Wir waren zwischenzeitlich aus acht verschiedene Nationen und die beiden haben sehr lebhaft davon erzählt, wie es war nach Deutschland zu kommen, hier überhaupt Fuß zu fassen und zum ersten Mal in den Supermarkt zu gehen. Ich dachte mir, diese beiden Lebensgeschichten kann man schön miteinander verbinden. So ist das Buch entstanden.


Was man sich immer bei historischen Romanen fragt, ist, was ist Phantasie und was ist tatsächlich so passiert? Und wie haben Sie das recherchiert?

Ich bin in Kasachstan gewesen, ich bin auch zweimal in Russland gewesen. Ich hab mit Zeitzeugen, mit vielen Leuten, die tatsächlich in diesen Gulags gelebt haben, gesprochen und alles, was im Einzelnen erzählt wird, entspricht Tatsachen. Da habe ich nichts erfunden. Wie der Alltag in diesen Gulags ausgesehen hat, wie die Machtverhältnisse waren und wie das war, hier nach Deutschland zu kommen. Das haben mir alles Leute aus ihrem ganz persönlichen Erleben erzählt.

Die Figuren sind natürlich alle erfunden und die Geschichte um die Geige natürlich auch. Was mich sehr fasziniert am Schreiben ist, dass man so wunderbar Realität und Geschichtswissen über eine fiktive Geschichte transportieren kann. Man kann einfach eine spannende Geschichte erzählen und gleichzeitig ganz viel historisches Wissen vermitteln, und das hab ich versucht.


Gerade weil das so viele Sachen auf einmal sind - die Neuzeit, die vielen Fakten der Vergangenheit -, stellt sich die Frage: wie muss man planen, damit man da nicht den Überblick verliert, gerade in einem Krimi? Haben Sie eine detaillierte Planung mit Stichpunkten für das ganze Buch?

Das Wichtigste sind die Figuren und eine grobe Geschichte. Wenn ich das Gefühl habe, ich habe drei, vier Figuren im Kopf, die ganz gut funktionieren, dann mach ich ganz altbacken mit kleinen Karteikärtchen an der Wand eine richtige Planung mit den einzelnen Kapiteln. Was wird in welchen Kapiteln und aus welcher Perspektive erzählt? Im Großen und Ganzen ist es dann aber so, dass sich die Figuren im Schreibprozess ganz oft verselbstständigen. Ich habe noch nie wirklich genau den Roman geschrieben, den ich vorher geplant hab, es ist immer was anderes draus geworden.


Sie haben ja auch einige Kurzkrimis in Anthologien veröffentlicht. Inwiefern unterscheidet sich das Vorgehen da? Haben Sie da auch so eine Wand mit Karteikarten, vielleicht im kleineren Rahmen?

Nein, da hab ich ein ganz anderes Konzept. Wenn ich einen Kurzkrimi schreibe, brauche ich zunächst mal auch, wie bei einem großen Roman, eine gute Idee und eine gute Figur. Wenn ich die habe, dann muss ich mich für eine Woche zurückziehen, am besten im Winter und in ein Haus in Dänemark. In dieser einen Woche beschäftige ich mich wirklich ganz intensiv einfach nur mit diesem Thema, mit dieser Geschichte, und das funktioniert meistens, das krieg ich dann auch hin. Bei Kurzkrimis ist es immer etwas schwieriger, weil man diesen großen Handlungsrahmen nicht hat. Da muss man sehr komprimieren. Im Grunde ist es fast so aufwändig wie ein Roman, aber es kommt halt eine kürzere Sache dabei raus und man hat natürlich all diese Seitenstränge nicht und braucht die Personen auch nicht so detailliert zu beschreiben. Ich kann das in einem kurzen intensiven Prozess, so gelingt es mir am besten.


Warum schreiben sie generell Krimis und im speziellen die Verbindung aus Vergangenheit und Gegenwart? Warum zum Beispiel keine romantischen Liebesgeschichten?

Das liegt mir nicht so. [lacht] Also, grundsätzlich war es so, dass ich mit Krimis angefangen habe. Es war mir wichtig, etwas zu erzählen, was einen Spannungsbogen hat, und ich hab gedacht: dass muss ein Krimi sein. Ich lese selber gerne Krimis und für mich war auch ein Aspekt, um bei einer Geschichte dabei zu bleiben, immer Spannung. Ich hab mich immer auf ein Buch gefreut, wenn ich unbedingt wissen wollte, wie es weiter geht. Ich bin dadurch zum Krimifan geworden und ich glaube, dass man immer das am besten schreibt, was man auch selber am liebsten mag. So bin ich zum Krimi gekommen. Inzwischen habe ich auch so eine große Bandbreite an anderen Sachen gelesen, dass ich glaube, man kann auch einen Roman ganz, ganz spannend erzählen. Aber mir liegt dieses Genre, auch mit dem Plot und dass am Ende ganz viele Fäden zusammenführen und zu einer Aufschlüsselung kommen.


Was sind denn ihre nächsten Projekte? „Der Geiger“ ist letztes Jahr erschienen, was kommt als nächstes?

Ja, da arbeite ich dran. [lacht]


Können Sie schon was dazu sagen?

Man weiß nie genau, ob es was wird, deswegen kann man da so schlecht was zu sagen. Ich recherchiere im Augenblick ganz viel Material zur Ukraine, vor allem zu dem Unfall von Tschernobyl, und überlege damit irgendwas zu machen. Es ist aber noch nicht so ausgegoren und ich brauche immer mindestens zwei Jahre für ein Buch. Ich kann nicht jedes Jahr ein Buch schreiben.


Jetzt mal ein bisschen weg von Ihren Romanen und hin zu Ihnen als Person. Sie haben schon gesagt, dass sie mal ein Restaurant geführt haben. Wenn man sich Ihre Homepage so anguckt, da sind noch verschiedenste andere Berufe aufgeführt. Wie sind sie schließlich zum Schreiben gekommen?

Ich habe ganz lange im pädagogischen Bereich gearbeitet, da auch verschiedene Ausbildungen gemacht und irgendwann wollte ich aus diesem sozialen Bereich raus, ich wollte was anderes machen. Ich habe gedacht, ich muss auch nochmal die reale Welt kennen lernen, wie es so richtig funktioniert in der Wirtschaft und so. Da ich aber überhaupt keine Idee hatte, was ich machen will, habe ich mir eine Auszeit genommen und bin für 1,5 Jahre nach Korsika gegangen. Das hab ich im Winter getan. Ich bin im Januar übergesiedelt und hatte mir ein kleines Häuschen am Strand gemietet, für ein Jahr erst mal, und das lag in so einem Feriengebiet. Was mir überhaupt nicht klar war, ist, dass da bis Mai natürlich nichts los ist. Ich war also wirklich sehr einsam, hab nur einmal in der Woche Menschen gesehen, wenn ich fünf Kilometer am Strand entlang zum nächsten Supermarkt gelaufen bin. Ansonsten war ich da sehr alleine. Es gab keinen Fernseher und nichts. Handys gab es sowieso noch nicht, das war Mitte der Neunziger. [lacht]
Sie hätten auch angefangen zu schreiben. [lacht] So ist das im Grunde entstanden. Geplant hatte ich das nie.


Es gibt ja das klischeehafte Bild von Schriftstellern, was Sie jetzt auch so ein bisschen widergeben haben: Er schließt sich alleine in einem Raum ein und schreibt. Ist das für Sie auch so oder nur ein Teil vom Prozess?

Es ist ein Teil vom Prozess. Ich würde mal sagen halbe-halbe ist wirklich Recherchearbeit. Das heißt, ich Reise in die Ukraine, rede mit Leuten. Ich versuche mir ein Bild zu machen: wie leben die Menschen da? Was für eine Figur kann ich da entwicklen? Das mache ich ganz viel in Kommunikation und das liebe ich auch. Und dann gibt es diesen Schreibteil, der hat wirklich sehr einsame Phasen. Das muss man sich aber nicht so vorstellen, dass man rund um die Uhr am Schreibtisch sitzt und sich in seinem Kämmerlein eingeschlossen hat. Das ist überhaupt nicht so. Ich habe feste Zeiten. Wenn ich im Schreibprozess bin, schreibe ich morgens vier Stunden, erledige über Mittag meinen Haushalt und alles, was so noch an normalen Tätigkeiten anfällt, und wenn es gut läuft, schreibe ich nachmittags nochmal so drei, vier Stunden. Aber es gibt auch Phasen in diesem Schreibprozess, wo man mal Tage hat, an denen gar nichts geht. Dann geht’s nicht. Dann gehe ich spazieren oder mache irgendwas anderes.


Sie haben direkt im Anschluss an dieses Interview eine Lesung. Wie bereiten Sie sich auf solche Events vor?

Ich suche mir bestimmte Textteile raus und muss dann auch immer einen Zwischenteil erzählen. Ich überlege mir natürlich als erstes: wie mache ich die Leute neugierig auf das Buch? Wie viel erzähle ich und wie viel erzähle ich auf keinen Fall? [lacht]


Autoren berichten manchmal von ganz skurrilen Fragen auf Lesungen. Hatten Sie auch schon solche oder sind es bisher alles erwartete Fragen zu Ihren Büchern gewesen?

Skurrile Fragen hatte ich nicht. Was mir im November mehrmals passiert ist – das fand ich ganz erstaunlich -, dass Leute mit Manuskripten gekommen sind, die sie geschrieben hatten und gefragt habe, ob ich die mal lesen könnte und am besten gleich an meinen Verlag weitergeben könnte. [lacht] Das kann ich nicht.


Zum Abschluss die letzte Frage: welche Frage fehlte Ihnen bisher in dem Interview? Was wollen Sie gerne noch beantworten?

Die Frage habe ich schon oft gehört und ich antworte immer das gleiche darauf. Ich habe alles, was Sie mich gefragt haben, ja schon beantwortet. [lacht]


Dann vielen Dank für das Interview.

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