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Liebe Frau Hansla. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview nehmen. Ich möchte Ihnen zunächst ein paar allgemeine Fragen zum Medium Hörbuch stellen:
Hörbücher sind weit verbreitet und beliebt. Der Internetseite von ‚Der Hörverlag‘ entnehme ich, dass das Programm derzeit ca. 700 Titel umfasst und jährlich ungefähr 120 Titel hinzukommen. Eine beeindruckende Anzahl.

Was macht Ihrer Meinung nach den Reiz eines Hörbuchs aus?

Wo soll ich da anfangen? Ich denke, ein ganz wichtiger Aspekt ist, dass man sich mit einem Hörbuch v.a. bei einer Lesung auf einen Sinn „das Hören“ konzentrieren muss. Wir sind tagtäglich mit so vielen optischen und multimedialen Reizen konfrontiert, dass man schon von einem Rückzug ins Sinnliche sprechen kann.

Beim Hören ist man zunächst einmal für sich, hat bei einer Lesung nur die Stimme und durch sie vielleicht zum ersten Mal einen Zugang zu einem Buch, das man schon ein paar Mal begonnen hat. Nun endlich schafft es dieser Sprecher einem den literarischen Stoff endlich zu erschließen, durch seine Interpretation. Man findet einen Zugang zum Buch, den man allein vielleicht nie gefunden hätte.
Bei Hörspielen ist das natürlich anders. Das Hörspiel lebt von der „Action im Kopf“ – den Bildern, die dank Musik, Geräuschen und Sprechern entstehen, aber auch hier macht die Individualität dieser Bilder im Kopf sicher einen ganz besonderen Reiz aus.


Wird das Hörbuch das gedruckte Buch Ihrer Meinung nach in absehbarer Zukunft ablösen?

Ganz sicher nicht, das ist auch nie das Ziel gewesen. Das Hörbuch hat sich, schon lange und glücklicherweise, von seinem Ruf als „Ersatzprodukt“ befreit und wird längst als eigenständige Kunstform wahrgenommen, die dem zugrundeliegenden Text eine neue Klangfarbe, also Stimme und Interpretation, gibt. Beide werden auch zukünftig nebeneinander bestehen, sich gegenseitig inspirieren und beeinflussen.


Jährlich kommen zehntausende Bücher auf den Markt. Nach welchen Kriterien wird entschieden, ob ein Buch zum Hörbuch wird?

Ausschlaggebend für das Lektorat sind v.a. die literarische Qualität und die Möglichkeit einer akustischen Umsetzung. Ist ein Stoff überhaupt geeignet für eine Dramatisierung im Hörspiel oder bietet sich aufgrund des Textes eine Lesung mit zwei Sprechern oder ein ganz anderes Format an?

Darüber hinaus müssen auch äußere Faktoren stimmen, d.h. passt der Titel zu uns als literarischem Verlag, in unser Programm, auf welche Zielgruppe treffen wir, wenn wir den Titel aufnehmen und kauft diese überhaupt Hörbücher? Die Programmplanung hängt sowohl von literarischen bis zu vertrieblichen Entscheidungen ab. Da wird auch schon mal ganz kontrovers diskutiert.


Was macht einen guten Hörbuch-Sprecher aus?

Zuallererst ist da die professionelle Sprecherausbildung zu nennen – ohne diese, engagieren wir keinen Sprecher oder Schauspieler, bzw. landet er/ sie erst gar nicht in unserer Sprecherdatei. Das ist die technische Seite. Auf der künstlerischen Seite sollte der Sprecher in der Lage sein, glaubhaft zu vermitteln und v. a. wissen und verstehen, was er da liest. Man merkt schnell, wenn der Sprecher den Text einfach runter liest, ohne die Zusammenhänge zu kennen oder zu begreifen. Das richtige Maß an Interpretation und Zurückhaltung ist auch wichtig, denn ein Sprecher sollte dem Text Raum geben, zwar interpretieren, sich aber nicht vor den Text drängeln wollen.


Nach welchen Kriterien wird der Hörbuch-Sprecher für das jeweilige Projekt ausgewählt?

Bei Lesungen gibt grundsätzlich der Text die Stimme vor. Der Schauspieler muss in dieser Rolle wie schon erwähnt glaubwürdig – im wahrsten Sinn des Wortes „stimmig“ – sein. Da müssen Stimmalter, Klangfarbe, die Haltung zum Text passen. Im Idealfall „hören“ die Kolleginnen des Lektorats bei der Prüfung der Manuskripte aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung schon eine passende Stimme mit. Wie beim Film, da hat man für die Rolle auch schnell eine Erstbesetzung vor Augen - wir haben sie „im Ohr“.


Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen dem Verlag und dem Sprecher eines Hörbuchs vorstellen?

Die Besetzung und Anfrage der SprecherInnen geschieht, sofern es keine Senderproduktion der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, ebenfalls bei uns im Haus. Man klärt mögliche Studiotermine, Aufnahmeorte, Honorare, kümmert sich um die Zusendung der Manuskripte bzw. Lesefassungen. Bei den Studioaufnahmen sind die LektorInnen meist vor Ort. Das hilft z.B. bei Fragen zur Aussprache von Namen oder bei Verständnisfragen. Die zentrale Aufgabe während der Studioproduktion kommt aber der Regie und dem Studioteam zu. 


Hörbücher werden in der Regel von einem Sprecher bzw. einer Sprecherin gesprochen. Warum werden die männlichen und weiblichen Rollen nicht entsprechend von einem Mann und einer Frau des gelesen?

Unter dem Begriff „Hörbücher“ verstehen wir zunächst alle Formen des Hörbuchs. Er ist der Oberbegriff, der sich dann in die verschiedenen Formate wie Lesung (z.B. mit Musik, inszeniert, mit einem oder mehreren Sprechern, gekürzt oder ungekürzt etc.), Hörspiel, Feature, O-Ton auffächert.

Wie bei jeder Sprecherwahl ist es auch bei Lesungen mit einem Sprecher oder einer Sprecherin eine komplexe Entscheidung. Wird die Geschichte zum Bsp. aus der Sicht einer Frau geschildert, dann wird auch entsprechend besetzt. Doch kann es durchaus sein, dass ein Geschlechterwechsel zur Dramaturgie passt und wie beim Theater auch, den besonderen Reiz der Produktion ausmacht.


Auffällig ist, dass viele Hörbücher nur als gekürzte Lesung erhältlich sind. Ich persönlich finde das sehr schade und wünsche mir mehr ungekürzte Fassungen. Weshalb wird sich so häufig für eine Kürzung des Romanstoffs entschieden?

Man muss sich etwas von dem Gedanken lösen, dass Kürzungen dem Text schaden. Jeder Text – außer bei vollständigen Lesungen - wird bearbeitet, allein schon um den Sprechfluss zu gewährleisten.


Hat der Autor ein Mitspracherecht, was die Kürzung des Romans für das Hörbuch angeht?

Es gibt z.B. Autoren, die es sich nicht nehmen lassen, Ihre Texte hörbuchtauglich zu kürzen oder als Hörbuchfassung umzuschreiben, wie z.B. Frank Schätzing, der auch die Hörbuchfassung von „Der Schwarm“ geschrieben hat.
Da wir in enger Absprache mit dem Buchverlag arbeiten, wird im Vorfeld geklärt, ob Kürzungen, Überleitungen etc. vom Autor autorisiert werden oder in direkter Zusammenarbeit erarbeitet werden. Dies übernimmt das Lektorat intern, oder externe Bearbeiter zusammen mit den Lektorinnen.


Neben der Hörbuch-CD im Handel gibt es noch die Möglichkeit, sich Hörbücher in verschiedenen Internetportalen gegen Entrichtung einer gewissen Gebühr (die meist deutlich geringer als die des Hörbuches in CD-Form ist) herunterzuladen. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Als Gründungsgesellschafter des Download-Portals www.claudio.de gestalten wir die legale Verbreitung von Hörbüchern im Internet aktiv mit und engagieren uns stark im Kampf gegen illegale Downloads und Internetpiraterie. Ein Thema, das hier leider in einem Atemzug angesprochen werden muss, da das Bewusstsein für den Wert von digitalen Inhalten geschärft werden muss. Jeder illegale Download bzw. illegale Kopie schadet nicht nur den Anbietern und Künstlern, sondern der gesamten Kulturlandschaft, die diese Inhalte hervorbringt.

Abgesehen davon sind wir zuversichtlich, dass der legale Download-Markt auch zukünftig wachsen wird.


Nun vom Hörbuch im Allgemeinen zu einem spezielleren Themen: Harry Potter.
Am 12.03.2009 sind die Harry Potter-Hörbücher in einer Neuauflage erschienen; diesmal gesprochen von dem Schauspieler Felix von Manteuffel. Aus welchem Grund hat sich ‚Der Hörverlag‘ für die Neuauflage entschieden?

Die Idee einen der weltweit und multimedial erfolgreichsten aktuellen Stoffe - „Harry Potter“ – neu zu interpretieren war schon seit längerem in den Köpfen des Lektorats. Harry Potter ist Stoff, der nicht nur den Literaturbetrieb verändert hat, sondern auch entscheidend dazu beigetragen hat, den Hörbuchmarkt in Deutschland zu formen und zum Erfolg zu führen. Die Lesung von Rufus Beck hat sich inzwischen 3,2 Millionen Mal verkauft und ist im deutschsprachigen Raum DER Hörbuch-Bestseller.

Diesen Stoff neu einlesen zu lassen, birgt ein Risiko, genauso war es auch schon bei der ersten Lesung. „Harry Potter“ und seine Autorin waren damals so gut wie unbekannt in Deutschland und das Hörbuch noch weit entfernt davon zum selbstverständlichen, täglichen Medienmix zu gehören. Das alles hat sich verändert.

Unsere Idee war/ist, an diesem Blockbuster unter den Hörbüchern zu zeigen, was das Medium Hörbuch kann, wie unterschiedlich die Wirkung von Stimmen sein kann. Zudem sind wir überzeugt, dass wir mit dieser Lesung neue Zielgruppen für „Harry Potter“ und das Hörbuch im Allgemeinen begeistern können.


Was macht Felix von Manteuffel besser als Rufus Beck, der seinerseits hervorragender Hörbuchsprecher ist?

Das ist die falsche Frage. Wir wollen keinen Wettstreit der Sprecher, auch wenn ein Vergleich der Sprecher natürlich das nahe Liegende ist. Beide Lesungen stehen bei uns gleichberechtigt nebeneinander, das wird auch zukünftig so sein.

Die Suche und Besetzung nach dem richtigen Sprecher der Zweitlesung war die alles Entscheidende. Schließlich steht und fällt die gesamte Produktion mit dieser Stimme. Felix von Manteuffel verfügt über eine unverwechselbare, alterslose Stimme mit jugendlicher Ausstrahlung. Sie deckt viele Nuancen ab, das wissen wir von anderen Produktionen - von unterschwellig gefährlich („Dracula“) bis hin zu feinsinnig ironisch („Homo Faber“ von Max Frisch) - und das ist für einen derart komplexen Stoff die Voraussetzung. In Felix von Manteuffel haben wir die perfekte Besetzung für eine zweite Lesefassung gefunden.


Die Neuauflage wird als „Ausgabe für Erwachsene“ angepriesen. Was genau ist damit gemeint? Oder ist es - ähnlich wie bei den Büchern - lediglich die erwachsenere Optik, die die Neuauflage zu einer Ausgabe für Erwachsene macht?

Nein, denn wir haben einen großen Vorteil: unser Medium „Hörbuch“. Nur im Hörbuch kann der vollständige Text durch die Variation des Schauspielers mit einer anderen Stimme zum Hörer sprechen. Der Text wird von ihm anders ausgelotet, betont andere Nuancen. Es entsteht ein völlig anderes akustisches Werk mit einer anderen Wirkung auf den Zuhörer. Das geht weit über das optische Layout hinaus.

Weltweit ist es zudem das erste Mal, dass ein Hörbuchverlag diesen Weg – einer zweiten Lesung – geht.


Felix von Manteuffel hat fünf Jahre für die insgesamt 145 Stunden Hörbuch benötigt. Eine verdammt lange Zeit, in der das Projekt streng geheim gehalten wurde. Die Hörprobe macht auf jeden Fall neugierig auf mehr. Doch glauben Sie, dass diejenigen, die die ‚alte‘ Hörbuchfassung bereits besitzen, Interesse an der Neuauflage haben?

Wir können an den direkten Reaktionen und Kommentaren, die uns z.B. über die der Website harrypotter-hoeren.de erreichen, sehen, dass das Interesse der Fans und Nochnicht-Fans groß ist. Verfolgt man auch andere Fanforen zu „Harry Potter“ und die darin geführten Diskussionen, die z.T. hitzig geführt werden, sieht man, dass wir mit einer weiteren Lesung durchaus richtig liegen und die Neugier groß.


Dürfen wir uns in Zukunft auf viele weitere ungekürzte Fassungen – wie beispielsweise bei den Harry Potter-Büchern – freuen?

Selbstverständlich. Das kommende Programm, soviel kann ich verraten, hat wieder einige spannende Komplettlesungen zu bieten.


Ich danke Ihnen für das Interview.

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