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Constanza Altavilla war für Anna Maria Giusti immer die gute Seele, die in ihrer Abwesenheit die Post aus dem Briefkasten nahm. Doch dieses Mal findet sie die Nachbarin tot in der Wohnung vor - mit Schürfwunden an Hals und Schultern. Ist die alte Dame nur gestürzt, oder hat jemand nachgeholfen? Während Vice-Questore Giuseppe Patta die Geschichte verharmlost und zu den Akten legen will, vertraut Brunetti seinem Instinkt und gelangt zu tieferen Wahrheiten als jenen, die beweisbar sind. Mit ungewöhnlichen Mitteln macht Brunetti sich stark für die Alten und Schwachen. Donna Leons bisher feinfühligster Fall für ihren Commissario.

 

Reiches Erbe HB 

Originaltitel: Drawing Conclusions
Autor: Donna Leon
Übersetzer: Werner Schmitz
Sprecher: Jochen Striebeck
Verlag: Diogenes Hörbuch
Erschienen: 05/2012
ISBN: 978-3-257-803020
Spieldauer: 564 Minuten, 8 CDs; ungekürzte Fassung


Die Grundidee der Handlung
Dienstjubiläum in Venedig. Zum 20. Mal ermittelt Commissario Brunetti. Als Brunetti bei einem Dienstessen mit Tenente Scarpa und Vice-Questore Patta sitzt, wünscht er sich nichts mehr, als von dort wegzukommen. Schließlich erlöst ihn ein Anruf aus der Questura. In einer Wohnung wurde die Leiche einer alten Dame gefunden. Da Blut auf dem Fußboden war, beschließt Brunetti, sich das einmal genauer anzusehen. Zunächst deutet alles auf einen natürlichen Tod der alten Dame hin. Sie starb an Herzversagen und stürzte gegen einen Heizkörper. Alles passt eigentlich zusammen, wäre da nicht Brunettis Bauchgefühl und dieser merkwürdig zusammengestellte Wäscheschrank. Teure Cashmere-Pullover liegen direkt neben original verpackter Unterwäsche. Wie passt das zusammen, zumal die alte Dame von ihrer Rente und der Witwenrente ganz gut leben kann? Brunettis Bauchgefühl meldet sich. Er vermutet aus langjähriger Erfahrung mehr dahinter. Doch Vice-Questore Patta hat zunächst wenig Interesse den Fall zu verfolgen und auch der Sohn der Toten scheint wenig an einer Aufklärung des Geschehens interessiert. Selbst Brunetti, der von dem Verlangen geleitet wird, Tatsachen zu analysieren und nicht Gefühle, ist sich seiner Sache alles andere als sicher. Dennoch folgt er seinem Instinkt und je öfter er hört, dass die alte Dame stets nett und freundlich war, umso mehr ist Brunetti überzeugt, dass es da noch etwas anderes geben muss. Und sein Gefühl trügt ihn nicht. So führt ihn eine zufällige Entdeckung zunächst auf die Spur einer Organisation für den Schutz misshandelter Frauen, eine zweite in ein Pflegeheim und schließlich eine dritte zurück zum wohl spektakulärsten Kriminalfall Venedigs, der sehr lange zurückliegt. Für Brunetti beginnt ein Drahtseilakt zwischen Ermittlung, menschlichen Schicksalen und echten Gewissensfragen.

Auch der 20. Fall folgt einem der Fangemeinde des Commissarios wohlbekannten Muster. Alles beginnt mit einem Fall, der so recht keiner zu sein scheint. Doch je mehr Brunetti nachfragt, umso größer wird die Mauer des Schweigens und damit die Neugier Brunettis. Auch die liebgewonnenen Neckereien zwischen Brunetti und seinem Chef, sowie die leicht zweifelhafte aber stets wichtige und liebenswerte Rolle von Pattas Sekretärin dürfen natürlich nicht fehlen. Dazu die gewohnt bildhafte und detaillierte Liebeserklärung an die Lagunenstadt und das Gefühl, für fast 10 Stunden ein Familienmitglied der Brunettis zu sein. Eigentlich alles wie gehabt - und dennoch wunderbar. Die größte Stärke dieses Romans ist seine Menschlichkeit, seine feinsinnigen Botschaften und die Gesellschaftskritik zwischen den Zeilen. Mit feinem Gespür beschreibt die Autorin ein Venedig zwischen Reichtum und Verfall, eine Gesellschaft zwischen Prestige und Existenzängsten und die Generationen von jung und alt. Ganz großes Kopfkino.


Darstellung des Hörbuchs
Bereits zum sechsten Mal erweckt Jochen Striebeck den Commissario aus Venedig stimmlich zum Leben. Die etwas tiefe und wohlklingende Stimme passt - für mein Empfinden - mit jeder Lesung besser. Fast wirkt es, als könne er die zunehmende Erfahrung und Weisheit des Commissario auf sich und seine Stimme vereinen. Gerade in seinem aktuellen Fall bekommt es der Commissario mit Themen zu tun, die die emotionale Ebene stark berühren. Und besonders hier ist die Interpretation durch Herrn Striebeck erneut herausragend. Leise, gefühlvoll, jedoch ohne erhobenen Zeigefinger versteht es der Sprecher, den Inhalt der Lesung so atmosphärisch dicht zu vertonen, dass der Zuhörer selbst nachdenklich wird. Sehr gelungen.

Anders als in Band 19 sind diesmal deutlichere stimmliche Veränderungen wahrzunehmen. Zum einen setzt Herr Striebeck die durch den Text vorgegebenen Beschreibungen der Stimmen gekonnt um, er gibt aber auch den alten Personen in diesem Hörbuch eine stets angemessene Stimme. Dabei berücksichtigt er auch die Gebrechen und den Gesundheitszustand der Personen. Krächzen und Husten sind dabei stets wohldosiert und nie übertrieben. Auffällig ist die Ruhe und die Laustärke mit der Herr Striebeck liest. "Reiches Erbe" ist mit Abstand der leiseste und wohl gefühlvollste Band der Reihe. Die ohnehin schwierige Unterteilung in Gut und Böse wird hier nahezu unmöglich. Leon erzählt die Geschichte stets liebevoll und nie mit erhobenem Zeigefinger und Herr Striebeck trifft genau diesen Ton. Ein wunderbarer Italientrip. Wieder einmal.


Aufmachung des Hörbuchs
Das Cover zeigt zeigt ein Foto der in den Abendstunden angestrahlten Basilika San Marco auf dem Markusplatz in Venedig. Auch eine der unzähligen Brücken ist erkennbar und das Foto zeigt die Prachtseite Venedigs. Es wirkt idyllisch, fast romantisch.Das Cover ist identisch mit dem der Buchversion, nimmt allerdings nicht den gesamten Platz ein. Links von ihm stehen ergänzende Angaben zum Hörbuch, wie Sprecher und Anzahl der CDs sowie ein Textauszug aus einer Rezension der dpa. Die CDs kommen in einem stabilen, gut gearbeiteten Pappschuber. Oben auf findet sich ein mehrseitiges Booklet. In ihm finden sich Kurzbiografien der Autorin sowie des Sprechers. Außerdem gibt es eine Übersicht über die Buchkapitel und ihre Aufteilung auf die CDs. Die CDs selbst kommen auch in einzelnen stabilen Pappen daher, die ebenfalls das Cover-Motiv aufgreifen.


Fazit
Liebgewonnen und immer noch gut. Obwohl das Muster der Serie immer ähnlich ist, verliert sie nie ihren Charme. Das liegt für mich an zwei Dingen: Die Personen, denen Brunetti begegnet, sind wie er selbst. Ehrlich, menschlich, aber nie unfehlbar. Im Gegenteil. Jeder und jede hat im Leben kleinere oder größere Fehler gemcht. Hinzu kommt, das Personen und Orte so liebevoll und lebendig beschrieben sind, dass die Bilder im Kopf automatisch entstehen und man sich fühlt, als wäre man selbst auf Kurzurlaub. Auch als Krimi weiß "Reiches Erbe" durchaus zu überzeugen, aber erst die Liebe zu Venedig, die detaillierten Bilderund die menschlichen Beschreibungen der Personen machen daraus ein stimmiges Gesamtwerk.


4 5 Sterne


Hinweise
Dieses Hörbuch kaufen bei: amazon.de

Backlist:
Teil 15: Wie durch ein dunkles Glas
Teil 16: Lasset die Kinder zu mir kommen
Teil 17: Das Mädchen seiner Träume
Teil 18: Schöner Schein
Teil 19: Auf Treu und Glauben

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