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Die Aktfotografie ist nicht nur die „greifbare“ Darstellung des Körpers, sondern zugleich Dichtung und Träumerei: eine Welt der Instinkte, Sehnsüchte und Visionen. Dieses Gebiet der Fotografie, mit seinem feinen Zusammenspiel von Kunst, Erotik und Pornografie bietet dem Fotografen umfangreiche Möglichkeiten, sein Talent, seinen Geschmack und sein handwerkliches Können ins beste Licht zu rücken. Die Aktfotografie ermöglicht die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die auch in anderen Bereichen der Fotografie von Nutzen sind.
Kann man die Aktfotografie erlernen? Außer der Beherrschung der handwerklichen und künstlerischen Instrumente braucht man – um Qualität zu schaffen – auch den göttlichen Funken. Aber die Regeln muss man kennen: das Modell und die Einstellung, Hintergründe und Accesoires; natürliches und künstlerisches Licht, Studiobeleuchtung; analoge und digitale Apparate und Objektive und anderes Zubehör; Technik und Ästhetik: Form und Komposition, die Rolle von Bewegung, Raum und Zeit; Bildbearbeitung und Veröffentlichung; Fotografiegeschichte, Fototechnik, Ethik und Urheberrechte.

 

  Autor: János Eifert
Verlag: Schenk Verlag
Erschienen: 03/2008
ISBN: 978-3-93997-35-5
Seitenzahl: 160 Seiten 


Stil und Sprache
János Eifert hat die Texte dieses Buches in einem teils schwungvoll-lockeren, teils sehr fachkundigen Schreibstil verfasst. Einige Kapitel kann man sehr flott herunterlesen, für die meisten braucht der Leser aber seine volle Konzentration, um die Textinhalte entsprechend zu verarbeiten. Eifert greift oft auf Fachbegriffe und Fremdworte aus dem künstlerischen Sektor zurück. Dazu kommt, dass der Satzaufbau teilweise verschachtelt ist, zudem finden sich insbesondere in der ersten Hälfte des Buches viele Einschübe und Konkretisierungen, die in Klammern gesetzt werden und schon mal aus dem Fließtext herausreißen können.

Die Kapitel sind entweder mit wenigen Seiten eher kurz gehalten oder aber in kurze Abschnitte von 1-2 Seiten unterteilt. Dies eignet sich wiederum dazu, schnell mal noch ein oder zwei Passagen zu lesen.

Gleich in der Einleitung wirft der Autor die Frage auf, ob Aktfotografie erlernbar ist. Er beginnt daraufhin mit seinen Ausführungen, beantwortet die Frage aber nicht gleich. Dies macht den Leser neugierig auf das Buch.


Umsetzung, Verständnis und Zielgruppe
Eifert beginnt das Buch mit einer Abhandlung über die Geschichte des Akts, beginnend bei den Griechen über die Renaissance, über die Entstehungs-, Pionier- und Neuzeit der Fotografie bis hin zur Moderne. Im Rahmen dessen stellt er nicht nur die entscheidenden Figuren der Zeitgeschichte vor, die an der Entstehung der Fotografie beteiligt waren, sondern auch einige Künstler und deren Studien der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dieser Teil ist mit 19 Seiten im Vergleich zu anderen Themen sehr umfangreich, kann aber – je nach Interessenbereich des Lesers – schon fast etwas langatmig erscheinen.

János Eifert behandelt viele Themenbereiche mit stark variierender Intensität, was die Einstufung der Zielgruppe und der Zielrichtung dieses Buches schwierig macht.
So beweist er tiefgreifende anatomische und psychologische Kenntnisse, die er als unbedingt erforderlich für die Aktfotografie erachtet, und reicht diese an den Leser weiter. Diese Bereiche sind umfangreich und teils mit Beispielen erläutert, aber oft mit Fachbegriffen gespickt. Sie eignen sich für Anfänger wie erfahrenere Fotografen und Künstler.
Unter anderem findet sich eine Abhandlung über die technische Seite der Aktfotografie und die erforderliche technische Ausstattung mit einigen Ratschlägen und Tipps, das Buch ist zudem - insbesondere im Bereich der digitalen Technik - auf recht aktuellem Niveau. Ein Bereich zu Scannern und Druckern ist kurz, aber inhaltlich gut gelungen. Ein weiterer Bestandteil bildet die konventionelle Fotografie mit kurzen Infos zu Filmsorten und –formaten und dem Filtereinsatz, zudem eine zusammengefasste Beschreibung der Abläufe in der Dunkelkammer, die aber nicht in die Tiefe geht. Diese Teile werden erfahrene Fotografen ermüden (bzw. überspringen), für Anfänger in der Fotografie sind sie spannend, für ein Lehrbuch aber nicht weitgehend genug. Ähnlich schaut es zum Beispiel mit Beleuchtungsaufbauten aus – hier beschreibt er einen Grundaufbau für eine Studiobeleuchtung, die ein Anfänger auch ohne vorhandene Skizze nachvollziehen kann. Weitere Ausführungen hierzu, z.B. wie sich die Wirkung auf das Model bei diversen Lichtaufbauten (Gegenlicht, Streiflicht, etc) verhält, fehlen aber.
Im Bereich der PC-Technik steigt Eifert sogar bei den absoluten Grundlagen ein, die für jemanden, der sich mit PC’s noch überhaupt nicht auskennt, geeignet wären. Da der Großteil aller Fotografierenden, die sich an die Aktfotografie wagen - ob nun Amateur, Routinier oder Semiprofi – mit der PC-Technik zumindest in den Grundzügen mittlerweile aber auskennen dürften, wird dieser Bestandteil eindeutig zu intensiv behandelt.

Der Autor stellt anhand einiger Beispiele seine Arbeit mit dem Bildbearbeitungsprogramm Photoshop inklusive der wichtigsten Befehlsketten dar, damit der Leser diese nachverfolgen kann. Da diese Befehlsketten jedoch nur in Englisch enthalten und auf das englische Programmkonzept ausgelegt sind, ist es für den deutschen Anwender nicht unbedingt einfach, diese am eigenen Rechner auch nachvollziehen zu können.

Eifert versteht die Aktfotografie nicht als Thema, sondern als Form und Auffassung der jeweiligen Gesellschaft. Im Laufe des Buches führt er seine Überzeugung an, dass Akt ausschließlich in kunstgeschichtlichen Kategorien begriffen wird, die in Form künstlerischer Freiheit umgesetzt werden muss. Ein großer Bestandteil der in diesem Buch abgedruckten Bilder entspricht deshalb dem Surrealistischen und Experimentellen, oft wurden die fotografischen Ergebnisse nach der Aufnahme sehr stark künstlerisch verändert bzw. verfremdet. Eine solch künstlerische Handhabung der Aktfotografie wird im Buch immer wieder gefordert oder zumindest herangezogen. Hier erscheinen mir seine Ansichten teilweise etwas eingeengt zu sein: natürlich muss gute Aktfotografie der Ästhetik und Ethik entsprechen – ich bin aber nicht der Meinung, dass reine Fotoergebnisse ohne anschließende, künstlerische Verfremdung nicht ebenfalls im Bereich der Aktfotografie ihre Daseinsberechtigung haben.

In einem Teil des Buches beschreibt der Autor sein Projekt „Dantes Hölle und Himmel“: er liefert erst eine umfassende Erklärung des literarischen Hintergrunds, dann die Umsetzung der „Göttlichen Komödie“. In diesem Kapitel schweift Eifert stark aus und wird insgesamt sehr speziell, was für diejenigen Leser, für die eine so stark auf den künstlerischen Bereich abzielende Umsetzung nachrangig ist, zu weit geht.

An welche Zielgruppe richtet sich nun das Buch? Anfänger finden so einige Tipps, die aber regelmäßig – im Vergleich zu anderen Lehrbüchern dieses Themas - nicht weit genug gehen. Die starke künstlerische Gewichtung dürfte aber vielen Unerfahrenen, die mit der Aktfotografie erste Berührungspunkte haben, zu intensiv sein. In dieser Hinsicht eignet es sich eher für Fortgeschrittene und Amateure sowie Kunstfreunde, für die viele Teile des Buches wiederum nachrangig sein dürften, weil die Inhalte und Grundlagen dann schon bekannt sein dürften.


Aufmachung des Buches
Die Aufmachung des gebundenen Buches spricht an. Das Cover bildet eine schwarzweiße Fotografie, die den Körper einer Frau in einem herrlichen Licht-Schattenspiel zeigt. Auf der Rückseite des Buches findet sich ein weiteres Kunstwerk von Eifert, dessen Entstehung er im Buch beschreibt.

Im Buch selbst finden sich neben seinen Texten eine sehr große Zahl von Fotografien und Kunstwerken von Eifert selbst und weiterer Vertreter dieses Bereiches. Die abgedruckten Bilder sind durchweg sehr hochwertig und sprechen von der Fachkunde des Erstellers.

Neben einem Inhaltsverzeichnis, welches das schnelle Nachschlagen bestimmter Themen ermöglicht, finden sich eine Einleitung, ein Literaturnachweis und ein Nachweis der in diesem Buch angesprochenen Künstler und Fotografen.


Fazit
János Eifert hat ein schönes Werk zum Thema Aktfotografie geschaffen, das eine überwiegend künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema eröffnet. In diesem Buch lässt er seine Liebe und auch seine eigene Interpretation zur Kunst und zur Aktfotografie einfließen. Der Leser muss sich allerdings darüber klar sein, dass dieses Werk als Lehrbuch zu dem Thema Akt weniger geeignet ist, da es in vielen - für ein Lehrbuch wichtigen - Bereichen nicht weit genug geht, manch andere Themen jedoch schon fast zu ausdauernd beschreibt.


3 Sterne


Hinweise
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