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Alle Geschichten jenseits von Mittelerde zum ersten Mal in einem Band

Die »Geschichten aus dem gefährlichen Königreich« präsentieren Tolkiens beliebte Fantasy- und Abenteuer-Erzählungen. Der Band ist reich illustriert von dem bekannten Tolkienkünstler Alan Lee.

 

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Originaltitel: Tales from the Perilous Realm
Autor: J. R.R. Tolkien
Übersetzer: Margret Carroux u.a.
Verlag: Klett-Cotta-Verlag
Erschienen: Mai 2011
ISBN: 978-3-608-93826-5
Seitenzahl: 333 Seiten


Die Idee, Stil und Sprache
In diesem Band hat der Verlag insgesamt 5 Werke von J.R.R. Tolkien zusammengestellt, die alle bereits erschienen sind, z.T. auch als Einzelbände:

  • Bauer Giles von Ham (6 – 9 Jahre)
  • Roverandom ( 6 – 8 Jahre)
  • Die Abenteuer des Tom Bombadil (und andere Gedichte)
  • Der Schmied von Großholzingen
  • Blatt von Tüftler

Die einzelnen Geschichten unterscheiden sich sowohl vom Inhalt als auch von Stil und Sprache sehr, deshalb werde ich sie der Reihe nach kurz abhandeln, um Verwirrungen zu vermeiden

Bauer Giles von Ham
Ein mehr oder weniger mutiger Bauer wird in die großen Abenteuer hineingezogen, wie sie normalerweise nur Ritter erleben. Eher aus Versehen ist er berühmt geworden, als er einen Riesen vertrieben hat. Nun bedroht ein Drache mit dem interessanten Namen Chrysophylax das Kleine Königreich, in dem der Bauer lebt. Nachdem die Ritter gekniffen haben, wird Giles gedrängt sich dem Drachen zu stellen. Ob er erfolgreich ist oder nicht, wird hier nicht verraten.
Alles in allem handelt es sich hier um ein märchenhaftes Schelmenstück und Tolkien weiß worauf es dabei ankommt - kauzige Figuren, eher widerwillige Helden und ein leichter Ton, selbst da wo es gefährlich wird. Der Dialog, den der Bauer mit dem Drachen führt und wie er mit ihm um seinen Hort feilscht, liess mich mehr als einmal schmunzeln. Ansonsten geht der Autor die Geschichte langsam an, steigert die Spannung, lässt wieder etwas nach, um schließlich zum Höhepunkt zu kommen. Danach lässt er die Handlungen ausklingen, dabei kommt der Philologe in ihm durch, in dem er erzählt, wie die Orte des Kleinen Königreichs zu ihren Namen gekommen sind - aber was nervig sein könnte, macht genauso viel Spaß zu lesen wie zuvor die Geschichte

Roverandom
Ein vorwitziger kleiner Hund legt sich mit einem Zauberer an und wird zur Strafe in einen Spielzeughund verwandelt. Nach zahlreichen Abenteuern, u.a. auf dem Mond, gibt es ein Happyend für ihn. Ein  humorig leichter Ton durchwebt die ganze Erzählung, trotz des etwas traurigen Auftakts. Ich denke, dass er  Kindern gefallen wird. Die Geschichte bleibt immer im Fluss und man fühlt sich an das ruhige Gleiten eines Vogels erinnert. So wie Tolkien die Geschichte erzählt, könnte er auch auf der Bettkante eines seiner Kinder sitzen. Natürlich enthält sie auch ein wenig Moral, aber es wirkt nie aufdringlich, wenn er von "Bitte" und  "Danke " spricht. Besonders die Szenen auf dem Mond lassen schon ein wenig die Zutaten für Mittelerde erahnen – Drache, Turm und Möwe (statt der Adler). Und Tolkien nimmt sich die Zeit, Flora und Fauna zu beschreiben und erfindet schöne poetische Namen für die Blumen, die den ganzen Tag Musik machen. Keine Mittelerde-Geschichte, aber eine die im Auenland erfunden worden sein könnte

Die Abenteuer des Tom Bombadil (und andere Gedichte)
Wie der Titel schon deutlich macht, geht es in diesem Abschnitt um Mittelerde, ist Tom Bombadil doch einer ihrer mysteriösesten, aber auch schillerndsten und lustigsten Figuren. Dennoch handeln nicht alle Gedichte und Balladen in dieser Sammlung von ihm. In einem Vorwort erklärt der "Herausgeber", dass sie alle aus dem "Roten Buch der Westmark" stammen und Bilbo Beutlin oder Sam Gamdschie zugeschrieben werden können, bei einigen handelt es sich um Überlieferungen der Menschen aus Gondor  und der Elben. Die, die von Tom Bombadil erzählen, erhellen etwas seine Herkunft und wird Fans dieser Figur aus dem "Herrn der Ringe", besonders freuen. Über die Güte der tolkienschen Lyrik lässt sich streiten, aber ich möchte mich daran nicht beteiligen, sondern freue mich über die gelungene Mischung aus Nonsens-und Kindergedichten und den (nicht immer) lustigen Balladen.

Der Schmied von Großholzingen
In Großholzingen hält man die Kochkunst in hohen Ehren und der Küchenmeister ist eine Respektperson. Alle 24 Jahre wird für 24 Kinder ein großer Kuchen gebacken und der Schmied, damals noch ein Kind, findet in dem Kuchen einen Elbenstern. Dieser gewährt ihm Zutritt zu Elbenland. Im weiteren Verlauf wird erzählt, wie der Schmied Elbenland bereist und an wen der Stern weitergegeben wird.
Diese Erzählung unterscheidet sich sehr von den vorangegangenen, nimmt aber die Melancholie, die in dem einen oder anderen Gedicht bereits anklang, wieder auf und zieht sich durch die ganze Geschichte. Manche Stellen sind traurig und die Abenteuer in Elbenland, die der Schmied erlebt, werden nur erwähnt, nicht geschildert. Aber es gibt auch berührende oder freudige Momente, so als der Schmied im "Tal von Immermorgen" mit einer Elbin tanzt. Ganz klar gehören die Menschen nicht nach Elbenland und dieser Bericht macht dies deutlich. Aber Tolkien wäre nicht Tolkien, wenn er uns nicht ein versöhnliches Ende bieten würde.

Blatt von Tüftler
Tüftler, ein Maler, macht seinem Namen alle Ehre. Er malt Bäume und dabei mit großer Hingabe die Blätter, und verliert sich dabei im Detail. Sein Werk ufert immer mehr aus, die Zeit, die er dafür aufwendet hält ihn von Wesentlicherem ab. Sein Nachbar Paris, der wenig von Tüftlers Profession hält, spannt ihn immer wieder für seine Zwecke ein. Eines Tages muss Tüftler eine Reise antreten, etwas was ihm gar nicht passt, und als er ankommt, weiß er nicht, ob er nun in einem Gefängnis oder Krankenhaus, oder beidem gelandet ist.
Nach einer Weile wird er entlassen und er trifft Paris in einer, seinem Gemälde sehr ähnlichen Landschaft, wieder. Beide verstehen einander nun besser und machen sich auf, dieses Land zu erkunden.
"Blatt von Tüftler" ist eine schwer einzuordnende Geschichte, man denkt an Märchen, aber das passt nicht so recht, auch wenn Tolkien Allegorien nicht mag, so tendiere ich doch zu dieser Form. Als Tüftler seine Reise antritt, kippt das Stück ins Surreale. Der Leser wartet nun hoffentlich genauso geduldig wie Tüftler auf dessen Entlassung. Man spürt die Verunsicherung Tüftlers, aber auch die wachsende Einsicht in seine inneren Konflikte und teilt seine Freude, als er Paris wiederfindet. Wer ein wenig mit Tolkiens Biographie vertraut ist, wird Parallelen zu Tüftler erkennen. Beide sind Perfektionisten, die aufpassen müssen, dass sie nicht zu Pedanten werden. Auch Mittelerde nahm immer mehr seiner Zeit in Anspruch, wuchs und wuchs, und dabei verlor auch Tolkien sich in manches Detail, und der Alltag mit seinen Ansprüchen musste warten. Aber ich möchte hier nicht zu weit gehen, das sind meine Beobachtungen und Vermutungen, andere Leser werden andere Ideen haben, wie die Erzählung zu verstehen ist.


Figuren
Die Figuren möchte ich hier nun nicht einzeln nach Erzählung aufführen und besprechen. So unterschiedlich ihre Persönlichkeiten auch sind, ob nun eher skurril, lustig, melancholisch, naiv, draufgängerisch oder einfach normal, Tolkien hat ihnen Leben gegeben, er ist im besten Sinn ihr Schöpfer. Es gelingt ihm sogar, 2 Stimmen aus dem Off („Blatt von Tüftler“) eine eigene Persönlichkeit zu verleihen. Manche mag man, manche vielleicht nicht. Nicht alle wird man verstehen, oder ihre Taten gutheißen, und dabei denke ich an den "Schmied von Großholzingen" und "Tüftler". Diese beiden Geschichten sind nicht für Kinder geschrieben  und ihnen fehlt die Identifikationsfigur, nichts desto trotz berühren sie den Leser irgendwo in seinem Inneren, vielleicht sind es ja unsere unausgesprochenen Sehnsüchte, denen diese Figuren ihre Stimme leihen.

Eine Warnung sei ausgesprochen: Die Elben, von denen im "Schmied von Großholzingen" berichtet wird, haben mit denen aus dem "Herrn der Ringe" nichts gemeinsam, sondern sind eher geheimnisvoll und undurchschaubar, weder gut noch böse, eben so wie man die Elben aus den traditionellen Märchen kennt. Wer also nach Mittelerde-Elben sucht, wird enttäuscht werden.


Aufmachung des Buches
Dieses Buch wird auf jedem Büchertisch für Fantasy-Literatur den Blick auf sich ziehen, und zwar, weil es so unauffällig auffällig ist. Das Cover des Schutzumschlags des gebundenen Buches zeichnet sich durch seine zurückhaltende Farbigkeit aus und setzt doch Akzente, zum einen durch einen goldenen Rahmen und schöne Buchstaben für Titel und Autor, zum anderen durch eine der wunderbaren Zeichnungen Alan Lees - ein kleiner Mann mit gezücktem Schwert steht ganz allein einem riesigen, furchterregenden Drachen in felsiger Landschaft gegenüber. Das Vorsatzblatt lässt erkennen, dass das Cover nur einen Ausschnitt eines größeren Gemäldes zeigt. Passend zum Cover gibt es ein goldenes Lesebändchen.

Der Klappentext behauptet der vorliegende Band sei „reich illustriert“, dem kann ich leider nicht zustimmen. Unter "reich" stelle ich mir etwas anderes vor, einzig die  Ausstattung der "Abenteuer des Tom Bombadil"  verdient dieses  Prädikat. Die Illustrationen Lees allerdings machen diesen Mangel wieder wett. Es handelt sich um sehr schöne tiefenwirksame Bleistiftzeichnungen, die immer zum Charakter der Geschichte(n) passen - mal derb, mal poetisch oder auch ein wenig skurril, grade so wie sich die Personen, Örtlichkeiten oder Monster grade präsentieren. Sie sind aber nie aufdringlich, sondern fügen sich stimmig in die Texte ein. Die Bilder sind kleine Juwelen, die man genau betrachten sollte.

Ein kurzes Nachwort von Allan Lee rundet diesen Band ab.


Fazit
In diesem Band versammeln sich die Geschichten, die Tolkien über seinen "Herrn der Ringe" hinaus verfasst hat. Den Leser erwartet nicht mehr von Mittelerde, sondern mehr von Tolkien. Für Kinder und Träumer bestens geeignet.


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Hinweise
Dieses Buch kaufen bei: amazon.dealt

Gemeinsam mit John Howe und Ted Nasmith zählt Alan Lee zu den vom Tolkien Trust autorisierten Illustratoren.

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