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Auf dem Gipfel der Erkenntnis

Da! – Ein Leitfaden für Sektengründer – Die Kuckucksuhr im Wandel der Zeit – Ein Tag im Leben meines Schlafanzugs – Die Weisheit albanischer Redensarten – Die Spaghetti-Eis-Anomalie – Herzinfarktprävention bei Wellensittichen – Kleine Frisurenkunde künstlerisch begabter Staatsmänner – Der «Mund der Wahrheit» aus zahnmedizinischer Sicht – Das Blasenpflaster als politisches Bekenntnis.

Kompetent, lehrreich, topaktuell!

 

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Autor: Wigald Boning
Verlag: rororo (Rowohlt Taschenbuch Verlag)
Erschienen: 1. September 2011
ISBN: 978-3-499-62772-9
Seitenzahl: 256 Seiten

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Die Idee, Stil und Sprache
Wigald Boning bleibt sich selbst immer treu. Er mischt munter Absurdes, manchmal Groteskes mit Spießigem, Fantasie mit Realität (und nimmt dabei alles auch noch ernst). Wenn sich dann noch Wissenschaftliches der Mischung zugesellt, dann hat man einen echt boningschen Essay. Das fängt schon mal mit dem Titel des Buches an – wenn man den Artikel gelesen hat, dann würde man den Titel gerne abändern in "Die Geschichte des Abendlandes und seine Bedeutung für die Fußleiste", aber typisch für den Autor ist es anders herum.

Zwei Artikel, die sich darin ähneln, dass sie medizinische Themen behandeln, die man eher nicht freiwillig liest, nämlich Herzinfarktbehandlung und Prävention, sowie Zahnprothesen und Implantate, bereitet er durch seinen Hang für das Ungewöhnliche, den anderen Blick, die abseitige Fragestellung so auf, dass man sie mit großem Vergnügen liest. Manches gerät ihm auch etwas daneben oder wenig überzeugend, wie z.B. der Essay über albanische Spruchweisheiten, und "Ein Tag im Leben meines Schlafanzugs" finde ich etwas an den Haaren herbei gezogen, da fiel ihm wohl nichts Gescheites mehr ein. Ebenso wenig gelungen finde ich, dass er den letzten Artikel fast ausschließlich in Plattdeutsch schreibt, trotzdem man die Übersetzung im Internet auf der Seite des Verlags nachlesen kann. Was tun Leser ohne Internet? Die soll es schließlich auch noch geben.

Im Vorwort verspricht Boning eine Wanderung zum Gipfel der Erkenntnis unter seiner kundigen Führung - ob das letztendlich wirklich gelungen ist, weiß er, wie er im Schlusswort zugibt, selbst nicht. Das macht mir den Mann sehr sympathisch. Die Wanderung gleicht auch eher einem Marathonlauf. Erst muss sich Boning etwas warm schreiben, dann läuft es sich in gemächlichem Trab ganz gut, bis er schließlich nach Kilometer 20 das Tempo steigert, zur Hochform aufläuft, um dann dem Mann mit dem Hammer bei ca. Kilometer 33 zum Opfer zu fallen. Danach schleppt er sich so ins Ziel, um kurz vorher nochmals einen Zwischenspurt einzulegen. Die Laufleistung entspricht dem Niveau der Artikel, siehe weiter oben. Stilistisch sind sie fast gleich – freie Assoziation zu einem selbst gewählten Thema. Wiederum fallen zwei Aufsätze etwas aus dem Rahmen, das Interview in "Der Mund der Wahrheit aus zahnmedizinischer Sicht" und der an die bekannten "Liveticker" erinnernde "Ein Tag im Leben meines Schlafanzugs". Er muss immer mal wieder aufpassen, dass er sich nicht vergaloppiert, bremst sich aber in der Regel immer noch rechtzeitig selbst ab. Während er flunkert, fantasiert, sich der psychologischen Seite eines Themas widmet und der Satire bedient, oder sich philosophischen Gedanken überlässt, schiebt er uns allerhand (Natur-)Wissenschaftliches unter. Oder erinnert uns daran, dass Churchill anno 1953 den Literatur-Nobelpreis erhielt. Ein wenig peinlich war mir, dass ich nicht wusste, dass im Mannheimer "Fontanella" das Spaghetti-Eis erfunden wurde, hab ich dieses doch selbst dort öfters verspeist und es für das Beste weit und breit gehalten. So viel Werbung muss sein, flicht doch auch der Autor allerhand Produktwerbung mit ein - allerdings nicht ganz so aufdringlich wie in seinem letzten Buch.

Die einzelnen Essays sind gut lesbar und Boning gibt sich viel Mühe auch Schwieriges, wie z.B.die "Hohlwelt-Theorie", verständlich zu erklären und dabei sein eigentliches Ziel - zu unterhalten - nicht aus den Augen zu verlieren. Er liebt Wortspiele und erfindet immer wieder neue Wörter wie üppissimo, erzexklusiv, einkapitelt, um ein paar zu nennen, die mir viel Spaß gemacht haben. Der sprachliche Ausdruck und die Verschlungenheit der Gedanken machen das Vergnügen an diesem Buch aus.


Aufmachung des Buches
Wer greift denn zu sowas? Wer will schon einen alten Aktendeckel? Das beige Taschenbuch hat auf der Vorder- und der Rückseite einen runden Kaffeetassen-verschüttet-Fleck und Titel, Untertitel und Name des Autors sind in der Schrift verfasst, die man noch von alten mechanischen Schreibmaschinen her kennt. Da werden Assoziationen an alte Dokumente wach, wie man sie aus den Fernsehdokumentationen zu den 30er / 40er Jahren her kennt. Zudem sind sie tief geprägt. Wäre der Titel nicht gewesen, dann hätte ich mich nicht dafür interessiert und so ganz - finde ich - passt das Cover auch nicht zum Inhalt. Ein bisschen mehr Pepp und Absurdes wäre durchaus angebracht gewesen. Nun, dafür wird der Leser mit den Titelblättern der einzelnen Kapitel entschädigt. Hier versammeln sich in einer Fotocollage die Hinweise auf das in dem Essay behandelte Thema. Ohne Kenntnis des Inhalts ist man schon verwirrt ob der ungewöhnlichen Zusammenstellung, die aber, wenn man sich die Mühe macht und nach der Lektüre nochmals zurückblättert, durchaus Sinn ergibt. Ein wenig mehr "Hui" außen, hätte nicht geschadet.


Fazit
Eine vergnügliche Fundgrube für Wissbegierige, die nicht darauf bestehen, dass alles auch wissenschaftlichen Maßstäben standhält.


3 5 Sterne


Hinweise
Dieses Buch kaufen bei: amazon.dealt

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