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Hallo Herr Krug. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben.
Sie sind Miteigentümer und Geschäftsführer des Otherworld-Verlags, den Sie im November 2005 gemeinsam mit ihrem besten Freund gegründet haben. Wie kam es dazu?

Der Grundgedanke geht auf meine Liebe zum literarischen Übersetzen zurück. Obwohl ich gut zehn Jahre hauptberuflich im Vertrieb und der Projektplanung bei einem Anlagenbauunternehmen tätig war, habe ich schon seit meiner Studienzeit für den Lübbe-Verlag übersetzt und das nie aufgegeben, also nebenberuflich betrieben. Später habe ich mich als freiberuflicher Übersetzer selbstständig gemacht. Das hat im Prinzip auf Anhieb prima geklappt, nur war das Verhältnis zwischen allgemeinen Fachübersetzungen aus der Wirtschaft und literarischem Übersetzen etwa 70 : 30, weil es nicht einfach ist, an genügend literarische Übersetzungsaufträge zu kommen, um ausschließlich davon leben zu können. Es hatte mich schon länger gereizt zu versuchen, das Verhältnis zu verlagern, indem ich Bücher, die mir gefallen, selbst herausbringe, nur war mir sowohl das Risiko als auch der Arbeitsaufwand alleine zu hoch. Den Ausschlag zur Gründung hat deshalb gegeben, dass ich mal mit meinem besten Freund, der selbst begeisterter Fantasyfan ist, über meine Idee gesprochen habe. Er war sofort Feuer und Flamme und gern bereit, mit einzusteigen, sowohl finanziell als auch tatkräftig. Damit war der Otherworld Verlag geboren.


Was genau umfasst Ihr Aufgabengebiet?

Da wir ein sehr kleiner Verlag sind, umfassen meine Aufgaben so ziemlich alles, was anfällt, ausgenommen den technischen Bereich, sprich die Aufbereitung der Druckunterlagen und die Wartung unserer Website. Ich kümmere mich somit um die Titelakquise, den kaufmännischen Bereich, Marketing und Vertrieb, teilweise um die Covergestaltung und um die Übersetzungen. Das Lektorat vergeben wir größtenteils auswärts.


Was lieben Sie an Ihrem Beruf besonders – was nicht so sehr?

Besondere Freude bereitet mir naturgemäß das Übersetzen, was ja ein mitentscheidender Grund war, den Verlag überhaupt ins Leben zu rufen. Weniger prickelnd sind einige Verwaltungsaufgaben wie das Eintragen und Warten der Titel im VLB (Verzeichnis lieferbarer Bücher), die Vertragsverwaltung und dergleichen.


Der Otherworld-Verlag ist ein sehr junger Verlag. War es schwer, in der Verlagswelt Fuß zu fassen? Oder arbeiten Sie sogar noch daran?

Es war und ist in der Tat ausgesprochen schwer, und wir sind noch längst nicht dort, wo wir hinwollen. Bisher ist es uns eigentlich nur auf dem Online-Absatzmarkt einigermaßen zufrieden stellend gelungen, Fuß zu fassen, am stationären Buchhandel, der trotz des Vormarschs des Internets nach wie vor eine unerlässliche Vertriebsschiene darstellt, arbeiten wir noch.


Warum hat sich der Otherworld-Verlag auf Fantasy, Science Fiction und Horror spezialisiert?

Weil das meinem persönlichen Interessenbereich und dem meines Partners entspricht.


Wie viele Projekte betreuen Sie durchschnittlich im Jahr?

Zehn bis zwölf.


Bekommen Sie viele unverlangte Manuskripte zugesandt? Werden diese überhaupt gelesen oder landen sie gleich im Papierkorb?

Bis letztes Jahr haben wir auf unserer Website dazu ermutigt, uns Manuskripte zu schicken – dieser Aufforderung wurde in einem Ausmaß nachgekommen, mit dem wir gar nicht gerechnet hätten. Dann jedoch waren wir gezwungen, davon abzugehen. Der Aufwand, die Flut der Manuskripte zu sichten, ist enorm und rechnet sich unter dem Strich nicht, wenn man sich ansieht, wie viele davon letztlich wirklich das Potenzial haben, gedruckt zu werden. Seit wir auf unserer Website einen Hinweis angebracht haben, dass wir bis auf Weiteres keine Manuskripte zur Prüfung annehmen können, ist der Zustrom drastisch zurückgegangen.

Solange wir den Aufruf online hatten, wurde von uns tatsächlich jedes Manuskript geprüft. Ich weiß aber, dass dies nicht bei jedem Verlag so ist. In Wahrheit dürfte es wohl eher die Ausnahme darstellen, dass unverlangt eingesendete Manuskripte wirklich geprüft werden. Dafür bleibt den Lektoren von heute schlicht keine Zeit. Sie sind mittlerweile eher Produktmanager, die innerhalb des Verlags der Dreh- und Angelpunkt für sämtliche von ihnen betreuten Titel sind, die Schnittstelle zum Vertrieb, zur Herstellung, zur PR-Abteilung usw. Für die eigentliche Textarbeit bleibt da kaum noch Zeit.


Mal angenommen, Sie wollen ein im englischsprachigen Bereich bereits erschienenes Buch veröffentlichen. Wie sieht der Weg vom Entdecken des Buches bis zur Veröffentlichung aus?

Wenn wir auf einen Titel aufmerksam werden, der uns interessiert, recherchieren wir zunächst mal, wer die Rechte daran besitzt bzw. vertritt. Sofern die Möglichkeit besteht, wenden wir uns direkt an den Autor, der uns in den meisten Fällen an seinen Agenten verweist, dieser wiederum zumeist an seine Subagentur in Deutschland.

Ist letztlich der richtige Ansprechpartner gefunden, versuchen wir, eine für beide Seiten zufrieden stellende Vereinbarung auszuverhandeln und uns die Rechte zu sichern. Ist das geglückt – was nicht immer klappt – freuen wir uns zuerst mal, danach machen wir uns Gedanken über die deutsche Covergestaltung.

Zeitgleich oder davor oder danach, je nachdem, wann die Veröffentlichung geplant ist, beginne ich mit der Übersetzung. Die geht anschließend ab zum Lektorat und Korrektorat, insgesamt durchlaufen die Texte bei uns inzwischen mindestens drei Lektorats-/Korrektoratsstufen. Zu guter Letzt wird die Endfassung gesetzt, und die gesamten Druckunterlagen werden aufbereitet. Dann geht’s ab in die Druckerei.


Welche Schwierigkeiten ergeben sich bei der Übersetzung eines Buches ins Deutsche?

Zu viele, um sie erschöpfend zu nennen, aber die größten Hürden sind oft Wortspiele, Gedichte und kulturelle Diskrepanzen. Bei Wortspielen muss man abwägen, ob man eine Möglichkeit findet, sie so zu übersetzen, dass der Witz im Deutschen nachvollziehbar bleibt. Gelingt das nicht, ist es besser, ganz darauf zu verzichten. Gedichte, die manchmal in Romane eingestreut sind, stellen immer eine Herausforderung dar, umso mehr, wenn sie sich reimen sollen. Und mit kulturellen Diskrepanzen sind Dinge und Umstände gemeint, die im Kulturraum der Ausgangssprache alltäglich und für jedermann normal, bei uns jedoch völlig unbekannt sind. Auch dabei stellt man sich beim Übersetzen am besten die Frage, ob es relevant genug für die Geschichte ist, um eine unter Umständen holprige Erläuterung einzufügen oder, wenn es keine Rolle spielt, einfach darauf zu verzichten, weil es nur den Lesefluss stören würde.


Was zeichnet eine gute Übersetzung aus?

Dass man sie nicht als Übersetzung erkennt.


Mittlerweile haben Sie Bücher einiger deutschsprachiger Autoren, wie zum Beispiel Stephan R. Bellem, Frank Bardelle und Frank Schweizer, veröffentlicht. Planen Sie weitere Veröffentlichungen deutschsprachiger Autoren?

Nein, wir werden uns künftig ausschließlich auf Übersetzungen aus dem angelsächsischen Sprachraum konzentrieren.


Sind Sie der Meinung, dass deutschsprachige Autoren sich im Bereich Fantasy behaupten können?

Ja, durchaus. Insbesondere das Tolkien-Revival nach der Verfilmung von Herr der Ringe hat vielen deutschen Talenten die Möglichkeit eröffnet, die literarische Bühne zu betreten, weil die Verlage aktiv nach entsprechenden Stoffen gesucht haben. Einige dieser zumeist jungen Autoren haben bereits bewiesen, dass sie auch außerhalb der "Tolkien-Peripherie" eine eigene Stimme besitzen, andere müssen diesen Beweis noch antreten.


Welche Trends zeichnen sich innerhalb der phantastischen Literatur ab?

Momentan recht eindeutig der Trend hin zu All-Age-Fantasy und zu Urban Fantasy für ein primär weibliches Zielpublikum.


Wieviele Neuerscheinungen sind für 2009 geplant? Auf welche Veröffentlichungen dürfen wir uns in den nächsten Monaten besonders freuen?

Insgesamt bringen wir dieses Jahr 11 Neuerscheinungen. Darunter finden sich die Fortsetzungen der Reihen HERBST, DIE CHRONIKEN DES PALADINS, TAMÍR TRIAD und RUNLANDSAGA, ferner unsere erste Anthologie überhaupt, UNTER DUNKLEN SCHWINGEN, die wir zusammen mit Alisha Bionda veröffentlichen. Enthalten werden Kurzgeschichten sowohl bereits bekannter AutorInnen als auch großer Talente sein, darunter Christoph Hardebusch, Uschi Zietsch, Barbara Büchner, Andreas Gruber.

Im Herbst folgen schließlich der Psycho-Mystery-Thriller PLAGE DER FINSTERNIS von Daniel G. Keohane, ein weiterer Mystery-Thriller namens DAS ALLHEILMITTEL von Jennifer Valoppi, mit DIE SPIEGELZWILLINGE der Auftakt zur ungewöhnlichen Weird-Fantasy-Reihe DIE BÜCHER DES KATAKLYSMUS von Sean Williams und mit GRABRÄUBER GESUCHT ein herrlich schräger Thriller, den man mit "Monty Python meets Jigsaw" beschreiben könnte.


Wie wichtig ist die Aufmachung des Buches für den Erfolg auf dem Buchmarkt?

Immens wichtig. Das Cover und der Klappen- bzw. Rückentext sind quasi der erste Eindruck, den man beim potenziellen Käufer erweckt. Speziell für jene Käufer, die, vielleicht abgesehen vom Genre, ohne besondere Vorstellung in die Buchhandlung gehen, um sich neuen Lesestoff zu besorgen, sind diese beiden Faktoren entscheidend. Sie gehen in die Abteilung ihrer Wahl, sagen wir mal Fantasy, und sehen sich dort um. Das Erste, was ins Auge springt, ist das Cover – spricht es an, wird es in die Hand genommen. Passt der Klappen-/Rückentest, ist der Kauf schon halb getätigt, sofern der Preis nicht den Rahmen sprengt. Bestenfalls wird noch kurz reingelesen.

Anders sieht es beim Kreis der echten Hardcore-Buchliebhaber und Fantasy-Enthusiasten aus – die recherchieren im Vorfeld Informationen über einen Titel, der sie interessiert, lesen Rezensionen, lassen sich in der Buchhandlung beraten. Bei dieser Käufergruppe steht die Qualität des Inhalts im Vordergrund, nicht so sehr der äußere Schein.

Allerdings wage ich zu behaupten, dass die erstgenannte Gruppe die deutlich größere ist, daher entscheidet die Aufmachung eines Buches den kommerziellen Erfolg definitiv einschneidend mit.


Derzeit scheinen sogenannte Trade Paperbacks beliebt zu sein, in Ihrem Verlag ist beispielsweise „Der verwunschene Zwilling“ von Lynn Flewelling in dieser Aufmachung erschienen. Halten Sie an diesem Trend fest?

Zwangsläufig ja. Persönlich bin ich kein besonderer Fan des Formats, weil es einerseits nicht annähernd so handlich und preisgünstig wie ein Taschenbuch ist, andererseits nicht die edle Aufmachung eines Hardcovers besitzt. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass es unmöglich ist, mit einer Hardcover-Ausgabe gegen die Konkurrenz günstigerer Trade Paperbacks zu bestehen, insofern konnten wir uns diesem Trend nicht entziehen.


Haben Sie Tipps für Autoren, die Ihr Manuskript einem Verlag anbieten möchten?

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich Autor/innen, die diesen Berufsweg ernsthaft einschlagen möchten, nur nahe legen kann, sich nicht direkt an einen Verlag zu wenden, sondern sich eine Vertretung zu suchen, also eine Literatur-Agentur. Seriöse Agenturen sind nur dann in Form einer Beteiligung am Erlös zu bezahlen, wenn sie auch Werke vermitteln. Die Chancen für Autor/innen, auf diese Weise von Verlagen wahrgenommen zu werden, sind unvergleichbar höher als über unverlangte Zusendungen. Außerdem bildet die Agentur quasi den ersten Prüfstein – seriöse Agenturen kennen ihre Branchen und können sowohl inhaltlich als auch qualitativ und stilistisch abschätzen, ob ein Werk Chancen auf eine Veröffentlichung hat. Wenn nicht, werden sie es gar nicht zur Vertretung annehmen, aber eine Agentur wird sich ein ihr vorgelegtes Werk zigfach eher ansehen als der Lektor eines Verlags.


Ich danke Ihnen für das Interview.

Es war mir eine Freude, und ich bedanke mich umgekehrt für die interessanten Fragen.

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