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Mika hat Angst. Angst vor dem Tod. Dem Tod mit 27. Die Zahl verfolgt ihn, so wie sie die meisten großen Musiker verfolgt hat, die dann zu Mitgliedern des Klub 27 wurden, doch Mika hat nichts mit Musik zu tun. Das Bewusstsein, niemand zu sein, treibt ihn dazu, jemand gewesen sein zu wollen, und er tut alles, um seinen selbst auferlegten Fluch zu erfüllen. Er wird einer der Großen, eine Ikone, lebt ein Leben, das er nicht mehr kontrollieren kann, das unaufhaltsam auf sein Ende zusteuert.
Er wird gewesen sein. Wird dazugehören.
Er wird mit 27 sterben.

 

27 

Autor: Kim Frank
Verlag: Rowohlt - rororo
Erschienen: Mai 2011
ISBN: 978-3-499-21577-3
Seitenzahl: 252 Seiten

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Die Grundidee der Handlung

Aufgrund des recht dramatisch klingenden Klappentextes schwant einem für das Buch entweder eine dieser Verschwörungstheorien à la Dan Brown vor oder die Wahnvorstellungen eines Irren. Zutreffend ist keins von beidem. Mika ist eigentlich ein ganz normaler Achtzehnjähriger, nur war er seit jeher viel allein, hat den Hang zum Grübeln und ist ein bisschen überängstlich. Seine alleinerziehende Mutter, eine Ärztin im Dauereinsatz, war nie für ihn da und Freunde hat er keine. Und so entwickelte sich bei ihm allmählich der Splien, dass ihn die Zahl 27 verfolgen würde. Aus allen Zahlen, die ihm begegnen, leitet er mittels Additionen, Subtraktionen, Quersummen usw. einen Bezug zur 27 her. Als Mika dann vom Tod vieler Musiker mit 27 Jahren liest, dem sogenannten „Klub 27“, ist es nur eine logische Folge sich einzureden, ebenfalls jenem Klub anzugehören und mit 27 Jahren zu sterben.
Entgegen der Inhaltsangabe, drängt es Mika keineswegs, unbedingt Musiker werden zu wollen, um den eingeredeten „Fluch“ zu erfüllen. Er hat überhaupt keine konkrete Vorstellung von seiner Zukunft. Der pure Zufall will es, dass Mika zum Texter und Sänger einer Band auserkoren wird, die gleich mit ihrer ersten Platte den Durchbruch schafft und berühmt wird. Schnell steigt ihm der Ruhm zu Kopf. Die nächsten Jahre erfüllen Sex, Drugs & Rock’n’Roll sein Dasein bis zum Exzess – die besten Voraussetzungen also, um dem „Klub 27“ beizutreten …


Stil und Sprache
Kims Alter Ego Mika erzählt von sich in der Ich-Form, was ich über weite Strecken des Buches sehr angenehm empfand. Ich konnte mich gut in ihn hineinversetzen, freute mich unheimlich mit ihm, als er im Steinmetz Lennart einen aufrichtigen Freund fand und später, während seines Praktikums in einem Aufnahmestudio, von der Band als ihr Texter und Sänger entdeckt wurde. Doch dann erfolgt ein Zeitsprung von 7 Jahren, der den Leser vom Regen in die Traufe kommen lässt. Die Verwandlung vom lieben, netten Jungen in ein selbstgefälliges, ignorantes und permanent zugedröhntes Arschloch, dessen ganzes Dasein sich nur noch um sich selbst, Drogen und unbedeutende One-Night-Stands dreht, ist zwar verständlich, doch hier viel zu krass und abrupt vollzogen. Zusätzlich zwingt einem die Ich-Erzählform die Identifikation mit Mikas unmöglichem, widerlichem Charakter auf, was den ersten negativen Eindruck noch erheblich verstärkt. Hier hätte eine neutrale Erzählform sicher weniger Schaden angerichtet. Im 3. und letzten Teil mit dem inzwischen 27-jährigen Mika, worin vieles an den Anfang erinnert, schließt sich der Kreis. Fast atemlos überflog ich die letzten Seiten, um zu erfahren, ob sich Mikas „Fluch“ erfüllt.

Kim Franks Sprache gefiel mir sehr gut. Das Buch liest sich leicht und flüssig und ist trotzdem nicht oberflächlich. Der Autor hat die besondere Eigenheit, oftmals mit kurzen, versähnlichen Sätzen Tiefe zu erzeugen. Andere Stellen wiederum, worin er z.B. von der Erhabenheit schreibt, das erste Mal auf einer Bühne zu stehen, oder davon, mit der Band auf Tour zu sein, nie allein und doch unendlich einsam, spiegeln deutlich Franks persönliche Erfahrungen aus seiner Zeit mit der Band „Echt“. Natürlich übernimmt die Musik eine tragende Rolle in dem Buch und die Art und Weise, wie der Autor diese mit Worten im Kopf zum Klingen bringt, finde ich sensationell: "Die Gitarre […] spielt ein klassisch anmutendes Blues-Riff, das aber durch verschiedene harmonische Verschiebungen überrascht und plötzlich total modern klingt. Der Sound ist knochig und leicht verzerrt, dennoch hat er eine unfassbare Energie. […] Dann setzt der Beat ein. Der Sound ist mächtig und räumlich. Er füllt alles hinter der Gitarre aus. […] Der Bass scheint nur Grundtöne zu legen. Die tiefen Frequenzen komplettieren zwar den Sound, aber im Grunde trägt der Bass nichts zum Song bei." (Seite 67 - 68)


Figuren
Bei einer Erzählweise in der 1. Person besteht immer ein bisschen die Gefahr, dass alle anderen Personen gegenüber dem Erzähler verblassen. Hier ist dies glücklicherweise nicht der Fall, denn Kim Frank schafft es, jeder Nebenfigur, und sei sie noch so klein in ihrer Rolle, ein eigenständiges Profil einzuverleiben. Zwar hätte ich mir gewünscht, dass Mikas Manager Josh und die anderen Bandmitglieder im 2. Teil mehr Platz eingeräumt bekommen, damit zwischen ihnen und Mika Vertrautheit und Freundschaft entstehen kann, doch der Autor hatte hier anderes im Sinn. Er führt neue Personen ein, die auf Mikas Leben Einfluss nehmen, u.a. eine zweite Britney Spears, äh Cherry, als diese noch ihr Jungfrauen-Image pflegte, was für eine erheiternde Auflockerung im sonst eher ernsten Plot sorgt.


Aufmachung des Buches
Verlegt ist das Buch als Klappenbroschur in der dafür üblichen Qualität. Auf weißem Untergrund zeigt das Cover leider nur vier Mitglieder des sogenannten „Klub 27“: Jim Morrison (The Doors), Kurt Cobain (Nirvana), Jimi Hendrix und Brian Jones (The Rolling Stones). Die eigentlich Fünfte im Bunde, Janis Joplin, wurde hier durch Kristen Pfaff (The Hole) ersetzt. Da fragt man sich automatisch nach Sinn und Zweck dieser Aktion, zumal Kristen Pfaffs Bekanntheitsgrad weit hinter dem von Janis Joplin anstehen dürfte. Nichtsdestotrotz wird das Covermotiv mit wenigstens vier bekannten Gesichtern die Neugierde des Betrachters auf das Buch wecken. Fast schon unscheinbar dagegen wirkt der Titel „27“ in Rot. Die Buchrückseite ist ganz schlicht gehalten mit weißem Untergrund, der Inhaltsangabe in schwarzer Schrift und rechts unten der roten 27.


Fazit
Spätestens seit Sven Regeners Lehmann-Trilogie wissen wir, dass deutsche Rock- und Pop-Poeten durchaus auch literarische Hitlisten erstürmen können. Kim Frank, ehemaliger Sänger der Band „Echt“, hat nun ebenfalls seinen ersten, sehr persönlich geprägten Roman geschrieben. Zwar nicht gänzlich frei von Schwächen, ist „27“ dennoch ein ganz passables Debüt: Unterhaltsam, ohne banal und oberflächlich zu sein.


3 5 Sterne


Hinweise
Dieses Buch kaufen bei: amazon.dealt

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