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Philippe_Luguy


Am 25. Juni 2011 fand in München das Comicfestival statt, wo ich das große Vergnügen hatte, Philippe Luguy, den Zeichner von „Tassilo“ und „Gildwin“, zu treffen. Gemeinsam mit seinem Übersetzer Horst Berner suchten wir - Julia Weisenberger und Sabine Schmid, die die Fotos schoss -, uns einen lauschigen Platz in einem Café um die Ecke, wo wir ungestört reden konnten – nur unterbrochen von den in München ständig ertönenden Martinshörnern und Hupkonzerten.

Nach einer etwas chaotischen Bestellung von Getränken, bei der wir den armen Ober mit vier verschiedenen Getränken verwirrten, ging es sofort in die Vollen, was meinem Schulfranzösisch das Äußerste abverlangte – danke noch mal an Horst Berner für die viele Hilfe beim Übersetzen der Fragen.


Monsieur Luguy, bei Ihren zwei Serien, Tassilo und Gildwin, arbeiten Sie mit zwei verschiedenen Textern zusammen. Wie funktioniert eine solche Zusammenarbeit?

Zuerst haben wir eine Idee aus einem Buch, einem Film oder anderen Quellen. Dann treffen wir uns, tauschen die Ideen aus und suchen uns ein Thema, um das es in dem neuen Band gehen soll. Wenn mir das Thema liegt, erstellt der Szenarist ein erstes Drehbuch, bei dem er mir den Inhalt der Bilder und der Dialoge getrennt aufschreibt. (Ein hervorragendes Beispiel dafür findet sich auf Luguys Homepage bei den Neuigkeiten über Band 14.) Danach treffen wir uns erneut. Wenn ich damit immer noch etwas anfangen kann, wird die Arbeit fortgesetzt. Die Arbeit an einem Comicband bedeutet ungefähr ein Jahr Auseinandersetzung damit, daher ist es unbedingt notwendig, dass mir das gefällt, was ich zeichnen soll, denn mit der Geschichte muss ich schließlich ein Jahr lang leben.
Jean Léturgie (der Szenarist von „Tassilo“ – frz. „Percevan“) könnte beispielsweise auf die Idee kommen, dass Tassilo nach München reist und dort so viele schöne Frauen trifft, dass er nicht weiß, welche er sich aussuchen soll. Daher ertränkt er seine Sorgen nachts in Bier ... Darauf könnte ich fragen: Wieso muss es Bier sein? Etc. Ich habe ein Mitspracherecht beim Inhalt.
Danach entwickelt Léturgie ein Drehbuch, das Bild für Bild zeigt. Auf der linken Seite notiert er die Handlungen der Personen und rechts die Dialoge der Figuren. Das dient mir als Vorlage für die Seitengestaltung.
Wenn das erledigt ist, übernehme ich als Zeichner bei der Umsetzung die Rollen von Lichttechniker, weil ich wählen muss, woher das Licht einfällt, und Kostümdesigner und bin für die Gesichtsausdrücke und die Perspektiven verantwortlich – ich setze alles in Szene.


Wie lange dauert diese Vorphase, bevor Sie überhaupt mit der Arbeit beginnen können?

Ungefähr ein paar Wochen. Wir sind inzwischen ein eingespieltes Team.


Wie suchen Sie sich Ihre Texter aus, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Ich kann mit keinem Szenaristen zusammenarbeiten, den ich nicht schätze. Man muss sich sowohl mit dem Thema als auch mit dem Szenaristen wohl fühlen – die Chemie muss einfach stimmen. Ein Zeichner muss den Wert eines Szenaristen darstellen können, ein Szenarist den Wert eines Zeichners.


Auf dem Festival gab es eine DIN A3-Seite aus dem 14. Band zu bewundern. Dadurch kann Luguy seine obligatorischen feinen Zeichnungen in einem größeren Format vornehmen als auf der DIN A4-Größe der normalen Comicseiten – ein kleines Puzzleteilchen des Rätsels um seinen Zeichenstil hat sich bereits geklärt, aber das wollten wir dann doch genauer wissen.


Über die Jahre hinweg hat sich Ihr Stil von einem bereits sehr detailreichen zu noch filigraneren und mit noch mehr Einzelheiten versehenen Panels entwickelt. Wie hat sich Ihre Art zu zeichnen entwickelt?

Jeden Tag ein wenig mehr. (Er lacht.) Man zwingt sich dazu, jeden Tag zu zeichnen. Fortschritt benötigt eine Gewohnheit und Gewandtheit der Hand, durch die man sich immer mehr der eigenen, inneren Vision der Zeichnung annähert. Schließlich ändert sich die Vision und entwickelt sich weiter, denn Tassilo ist jetzt dreißig Jahre alt.


Bei Tassilo bewundere ich vor allem die Figur der Balkis, denn sie ist eine sehr emanzipierte und mächtige Frau und besitzt eine tragende Rolle, die in Anbetracht der Zeit, in der sie entwickelt wurde, erstaunlich ist. Da Tassilo sehr viele Frauen trifft, musste sie wohl etwas Besonderes sein.

Tassilo ist einer der ersten gezeichneten Männer, der sexuelle Beziehungen zu Frauen hat. (Er deutet auf Band eins, in dem Tassilo mit einem Burgfräulein im Bett liegt.) Tassilo liebt Frauen. Balkis ist aber etwas Besonderes, da sie eine Zauberin ist. Sie ist mehr als eine Frau. Man weiß nicht recht, ob sie der hellen Seite oder der Schattenseite angehört. Zur gleichen Zeit verbindet eine Liebesgeschichte sie mit Tassilo, die aber eigentlich unmöglich ist. Denn wenn sie möglich wäre, wäre der Leser rasch gelangweilt. Mitunter habe ich jedoch heftige Diskussionen mit meinem Szenaristen Léturgie, denn ich habe manchmal den Eindruck, dass Tassilo neben Balkis ein wenig lasch wirkt. (Er lacht.)


Ich liebe ja Blimli (frz. Guimly), den kleinen Simulusnanus, der Alwin seit Band 3 stets begleitet. Wie kamen Sie auf ihn?

Blimli besitzt eine sehr putzige Entstehungsgeschichte. Damals arbeitete meine Frau in einem Forschungslabor für allgemeine und vergleichende Physiologie im Naturkundemuseum in Paris. Dort war sie die Sekretärin eines bekannten Wissenschaftlers, Maurice Fontaine. Er war Präsident der wissenschaftlichen Akademie. Ich besuchte meine Frau regelmäßig im Museum, und eines Tages – es war im Winter – waren dort zwei Wissenschaftler, die gerade aus Australien zurückgekehrt waren. Die Frau trug einen dicken Pullover und hatte ein sehr ausladendes Dekolleté. In ihrem Ausschnitt konnte ich eine Art kleines Tier sehen, das auf den Tisch sprang und herumhüpfte. Das war ein Beuteltier – leider habe ich die genaue Bezeichnung vergessen. Ein wirklich winziges Beuteltier, so groß wie ein Daumen und sehr empfindlich. Es waren zwei – ein Männchen und ein Weibchen. Die Frau besaß einen kleinen Umhängebeutel für die Tiere, den sie in ihrem Ausschnitt verstaut hatte, um sie warm zu halten. Diese Tiere waren nicht besonders bekannt, und die Ausfuhr aus dem Land war normalerweise verboten. Da die beiden aber Wissenschaftler waren, hatten sie die Erlaubnis erhalten.
Natürlich war ich davon fasziniert. (Eine Geste, um das ausladende Dekolleté der Dame zu beschreiben, folgt, die alle Anwesenden zum Lachen bringt.) Ich hatte nämlich nach einem Tier gesucht, das Alwin begleiten sollte. Ich hatte bereits in allen mir in den Sinn kommenden Richtungen in der Natur gesucht, aber in diesem Moment wusste ich: Genau das ist es. Ich habe schon immer die Figur des Marsupilami von Franquin geliebt, das Spirou und Fantasio begleitet, und wollte als Hommage an das Marsupilami ein ähnliches kleines Wesen, das aber keine Kopie ist.

Nach dem Erlebnis habe ich Blimli erschaffen. Schließlich war ich auf der Suche nach einem klingenden Namen. Erst fiel mir Gimmick ein, aber das war zu modern. Also wurde Guimly (im Deutschen „Blimli“) daraus. Als ich die Zeichnungen Léturgie zeigte, erfand er die Geschichte des dritten Albums „Das Schwert des Ganael“, in dem Blimli das erste Mal auftaucht. Blimlis Artbezeichnung Simulusnanus stammt aus den beiden Worten „simiesque“, was „affenähnlich“ bedeutet, und „nanus“ wie „nano“/„klein“. Direkt übersetzt würde es etwa „Kleines Gesicht“ heißen.


Je länger die Serie andauert, desto mehr Bedeutung gewinnt Blimli, wie beispielsweise im vierten Band, in dem er als Heilmittel für die Vergiftung des Königs gehandelt wird, oder auch im dreizehnten Band, in dem der Ursprung von Blimlis Art erwähnt wird. War das von Beginn an so geplant?

Nein, absolut nicht. Im dritten Band tauchte er das erste Mal auf, aber dass sein Heimatland vorkommt, war nicht vorgesehen. Es hat sich so ergeben, als es um die Handlung für den dreizehnten Band „Das Land ohne Wiederkehr“ ging.


Luguys Homepage kann sich wirklich sehen lassen. Leider ist sie bisher nur auf französisch abrufbar und hier zu finden.

 

Philippe_Luguy_3_kleinIhre Homepage ist großartig dank der Vielfalt an Informationen, die man darauf findet. Ein großes Lob dahingehend, denn die Inhalte sind wirklich grandios. Unter anderem befindet sich dort eine Computeranimation für den vierzehnten Band, der in Frankreich am 16. September 2011 erscheinen wird. Bitte geben Sie unseren Lesern einen kleinen Einblick, was Tassilo und Alwin in diesem Abenteuer erwarten wird.

In „Les Marches d’Eliandysse“ wollte ich, dass Tassilo eine Region kennen lernt, die auf Französisch „La Chaussee des Giants“ – „Die Straße der Riesen“ heißt. Das ist eine Gegend in Irland, genannt „Giant’s Causeway“/„Der Damm der Riesen“, in der es sechseckige Basaltsäulen gibt, die hinaus ins Meer führen. Die Legende dort besagt, dass Riesen diese Straße errichtet hätten und ein Gott diese Route benutzt hätte, um das Meer zu überqueren. Die Legende haben wir für Tassilo übernommen, aber abgeändert. Ich habe den Namen „Eliandysse“ erfunden. Das Thema handelt von einer sehr mächtigen Kriegerkönigin namens Eliandysse, die, obwohl sie in einer Schlacht geschlagen wurde, nicht aufhört, Krieg zu führen. Nach wie vor hat sie bei den Menschen großen Einfluss und mit ihnen eine Übereinkunft getroffen, dass sie sie in Ruhe lässt, wenn ihr an jedem Neumond eine junge Frau geopfert wird. Es gibt ein seltsames Schiff, das diese jungen Frauen betreten, und man weiß nicht, wohin sie verschwinden. Der Graf in der Gegend, der Graf von Antrim, hat eine Tochter namens Isabealle, die das richtige Alter hat, um Eliandysse geopfert zu werden, weigert sich aber, sein Kind aufzugeben. Deshalb erklärt Eliandysse den Krieg, und Tassilo muss mal wieder die Probleme lösen.


Wie immer, der Arme! Wann ist der nächste Teil von Gildwin, Ihrer zweiten Serie in Deutschland, geplant, denn das Ende des ersten Bandes hat den Lesern einen mächtigen Cliffhanger beschert?

Philippe_Luguy_2_kleinJa, ich weiß. Die Probleme, mit denen Gildwin und Azilis zurückgelassen wurden, sind gigantisch. (Er lacht.) Aber der zweite Band erscheint nächstes Jahr, so dass es nicht mehr gar so lange dauern wird.


Dann haben wir ja etwas, worauf wir uns freuen können. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, die Fragen zu beantworten.

Während des Interviews zeichnet Luguy nebenbei zwei Bilder, einmal Tassilo, das andere Mal Balkis – ja, wir sitzen mit einem wirklich grandiosen Künstler am Tisch.

Am Ende verrät Horst Berner, dass mehrere Sammelbände von Tassilo geplant sind, die er in Anlehnung an das französische Original neu übersetzen wird. Der erste Band, der die drei ersten Alben gemeinsam mit einigen Skizzen und einem vierseitigen Vorwort enthält, wird bereits im Herbst 2011 rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse erscheinen. Darauf können sich die Fans schon mal riesig freuen!

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