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„Und darum eben, weil sich in den Buddenbrooks ein erlebtes und tief empfundenes Weltgefühl mit einer bewussten Kunst innig verbunden hat, deshalb bleibt dieser Roman ein unzerstörbares Buch. Es wird wachsen mit der Zeit und noch von vielen Generationen gelesen werden: eines jener Kunstwerke, die wirklich über den Tag und das Zeitalter erhaben sind, die nicht im Sturm mit sich fortreißen, aber mit sanfter Überredung allmählich und unwiderstehlich überwältigen.“

Samuel Lublinski
im Berliner Tageblatt vom 13.09.1902
(Coverbeschreibung des Buches)

 

  Autor: Thomas Mann
Verlag: Fischer
Erschienen: 01.10.1997 (Erstausgabe 1901)
ISBN: 978-3103481242
Seitenzahl: 758 Seiten 


Die Grundidee der Handlung
Wem sagt der Name „Buddenbrook“ nichts. Thomas Mann hat – im Alter von 25 Jahren - mit Buddenbrooks eine Familiensaga geschaffen, die weltweit bekannt ist. Der Roman wurde in 32 Sprachen übersetzt.
Die Buddenbrooks sind eine in Lübeck ansässige Kaufmannsfamilie, die großen Wert auf Tradition und Etikette legt. Mann beschreibt in diesem Roman das Leben von vier Buddenbrook-Generationen und den Verfall dieser angesehen Familie. Besonders interessant und erwähnenswert ist, dass alle in dem Buch vorkommenden Figuren aus Manns persönlichem Umfeld kommen. Ob Bruder, Vater, Mutter, andere Verwandte oder Bekannte, alle Figuren entstanden durch ein lebendes Vorbild, was dem Autor mitunter auch Probleme bereitete.

Wenn ich bei dieser Rezension etwas mehr ins Detail bei Sprache und Figuren gehe, so möge man es mir aufgrund dieses einzigartigen Werkes verzeihen.


Stil und Sprache
Bücher von großen Schriftstellern zu rezensieren birgt immer ein gewisses Risiko, da man gerne Gefahr läuft, das Buch bzw. die dahinter stehenden Aussagen des Autors miss zu verstehen, zu verkennen oder Liebhaber dieser Klassiker zu beleidigen. Bei Thomas Mann jedoch scheinen diese Bedenken nicht notwendig, da es einfach einzigartig ist.
Thomas Mann zieht einem mit seiner ausschweifenden und geradezu peniblen und detailreichen Beschreibung mit Endlossätzen so sehr in den Bann, dass es einem schon nach den ersten paar Seiten nicht mehr gelingt das Buch aus der Hand zu legen. Dieses Buch ist nicht gekennzeichnet von Spannungsbogen, Spannungsaufbau oder sich überschlagenden Ereignissen, sondern lebt von der geschickten Spielerei mit Verben und Satzbau. Durch diese sehr feine und exakte Erzählweise vermisst der Leser keine Spannung, da er praktisch zum Familienmitglied der Buddenbrooks avanciert und alles als unsichtbares Mitglied der Familie miterleben darf.
Je nach Person und Schauplatz ändert Thomas Mann auch die Sprache und passt diese individuell an. Ob in Bayern, an der Ostsee oder in Lübeck, auch die traditionellen Dialekte und Jargons fehlen nicht in diesem Werk, was dem Ganzen noch mehr Authentizität verleiht. Für mich persönlich muss ich allerdings eingestehen, dass ich mit dem Plattdeutsch – das mir so gänzlich fremd ist – schon meine Probleme hatte. Oft war es notwenig, so einen im Dialekt gehaltenen Satz des alten Buddenbrooks zwei oder auch drei Mal zu lesen, um den Sinn zu verstehen – was mir nicht immer gelang…

Manche Leser werden ob der langen Sätze und oft noch längeren Nebensätze des Autors ihre Probleme haben, da man heute „nicht mehr so schreibt“. Bei Thomas Mann kommt es nicht selten vor, dass so ein Satz über gut zehn Zeilen gehen kann. Aber genau dieses perfekte Beherrschen von Satzbau und Spiel mit den Worten ist es, was Mann so einzigartig macht und dem Buch - trotz Fehlen von nervenaufreibender Spannung - Schwung und Kurzweiligkeit verleiht.
Natürlich gibt es auch Personen, die dieses Buch nur für fantasielose Leser gut finden (aufgrund der detailgenauen Beschreibungen), die nicht nachvollziehen können, weshalb Thomas Mann den Literaturnobelpreis gewonnen hat, die auch nicht verstehen können, wie man ein so dickes und langweiliges Buch mit öder Sprache überhaupt lesen kann…
Natürlich, die Sprache der klassischen Literatur unterscheidet sich doch wesentlich vom heutigen Schreibstil. Dies ist kein Buch, welches man schnell zwischendurch liest, sondern verlangt eine gewisse Aufmerksamkeit und Konzentration. Konzentration nicht, weil es so schwierig geschrieben ist – im Gegensteil, Mann hat einen sehr leichten und absolut mitreißenden Schreibstil – sondern, damit man all die feinen und oft ironischen und humorvollen Anspielungen und Nuancen, auch herauslesen kann.
Mögen sich manche Leser wundern, dass einige Wortwiederholungen – speziell bei den Charakteren der Protagonisten – ständig vorkommen und dies die Lektüre eventuell abwertet, so denke ich, dass Thomas Mann dies in voller Absicht gemacht hat, um die charakterlichen oder auch persönlichen Eigenheiten der Figuren zu unterstreichen.
Jedes Wort, jeder Satz, jedes Detail das der Autor beschreibt, jede Handlung die seine Figuren begehen, scheint wohl überlegt. Die perfekte Kombination all dessen ist es, was Thomas Manns Buddenbrooks so einzigartig macht.


Figuren
Gleich zu Beginn lernt der Leser den Großteil der Familie kennen, was von ihm viel Aufmerksamkeit fordert, um die Familienbande geistig zu ordnen. Jedes Familienmitglied wird vorgestellt und mit derselben Liebe und Exaktheit behandelt und ins Leben gerufen. Interessant und bereichernd wäre es, dem Buch einen Stammbaum der Buddenbrooks beizufügen, da für den Leser so die ganze Verzweigung, also auch Verschwieger- und Verschwägerungen, leichter zu merken wären.
Mann beschreib das Leben der Buddenbrooks in ihrem Hause so genau, dass man das Gefühl hat, man brauche dieses Haus – welches ja wirklich in Lübeck steht – nur betreten und fände sich darinnen sofort zurecht
Auch wenn man schon am Anfang die ganze Familie kennen lernt, so überwiegen zu dieser Zeit noch die Handlungen vom Patriarchen Johann Buddenbrook dem Älteren, seiner Frau in zweiter Ehe, Antoinette Buddenbrook, geb. Duchamps, seinem Sohn Jean (Johann) Buddenbrook und seiner Frau Bethsy (Elisabeth) Buddenbrook, geb. Kröger.
Jean ist wie sein Vater der geborene Kaufmann und obwohl er nicht der ältere Sohn ist, übernimmt er schließlich die Firma. Jean ist ein korrekter und angesehener Konsul und liebt seine Familie. Seine Kinder, Thomas, Antonie (genannt Tony) und Christian sind von klein auf an die Vorzüge des guten Lebens gewöhnt, auch wenn die Familie voraussetzt, dass ihren Erwartungen und familiären Verpflichtungen nachgekommen wird.
Von Thomas, dem älteren der Geschwister, erwartet man selbstverständlich und ohne nachzufragen, dass er eines Tages die Firma übernimmt und die Familientradition fortsetzt. Thomas, der immer größten Wert auf perfektes Auftreten legt und dem man aufgrund seiner Angewohnheit - penibel und aufs korrekteste gekleidet zu sein - etwas dandyhaft wirkt, übernimmt die Firma seiner Vorväter mit Stolz und beginnt voller Elan seine Arbeit. Die Firma geht gut und Thomas steigt vom Konsul auch zum Senator auf. Er weiß, was er der Familie schuldig ist und gibt eine nicht standesgemäße Liebe auf, um eine ihm ebenbürtige Frau, Gerda Arnoldsen aus Amsterdam, zu heiraten.
Toni ist eine verwöhnte junge Göre, die sich redlich bemüht eine junge Dame zu werden. Durch ihre offene, direkte aber auch naive Art, steht sie sich aber oft selbst im Weg. Sie heiratet zwei Mal und beide Ehen enden in einem Desaster.
Christian, der jüngste Nachkomme von Jean und Bethsy, schlägt jedoch total aus der Linie. Er hält es nirgends lange aus, die Kaufmannslehre interessiert ihn nicht sonderlich und an - ihn zu anfangs begeisternden – anderen Arbeiten und Tätigkeiten, verliert er schnell die Lust. Er treibt sich in Clubs herum und sucht fragwürdige und nicht standesgemäße Frauen auf. In weiterer Folge mutiert er zu einem Hypochonder, der andere ständig mit seiner Jammerei über seine vermeintlichen Leiden quält.

Die eben erwähnten Personen sind die Hauptfiguren dieses Generationsromans. Thomas Mann beschreibt jede einzelne Figur, auch wenn sie nur für kurze Zeit einen Auftritt hat, so exakt und detailreich, dass man meint, man könne ihr jederzeit auf der Straße begegnen und würde sie sofort erkennen.
Man liebt und leidet mit den Buddenbrooks und je näher man zum Schluss des Buches kommt, umso mehr „Angst“ befällt einem, die Familie die einem so vertraut ist, zu verlieren. Letztendlich bricht diese stolze Familie aber trotz aller Bemühungen auseinander. Das Schicksal schlägt unvermittelt und grausam zu, so dass man direkt einen körperlichen Verlust empfindet, wenn man das Buch ausgelesen hat.


Aufmachung des Buches
Es gibt viele verschiedene Ausgaben dieses Klassikers. Die, zu der diese Rezension stammt, ist wohl eine der Schönsten und der Originalausgabe 1905 nachempfunden.
Das gebundene Buch ist ohne Schutzumschlag, aber die kartonierten Außenseiten sind mit dunkelgrünem Leinen bezogen. Auf der Vorderseite ist das Motiv einer schmalen Gasse in einer Stadt geprägt und nur mit etwas weiß und sattem ziegelrot gefärbt.
Die inneren Umschlagseiten sind in gemustertem Papier gehalten. Das Buch hat elf Teile und am Schluss bekommt man noch einen Einblick in den Briefverkehr von Thomas Mann und dem Verleger Fischer, bevor das Buch in Druck gegangen ist.


Fazit
Viel ist zu diesem ausnehmendem Klassiker nicht mehr zu sagen. Leser, die eine schöne und gehobene Sprache lieben, werden an diesem Buch nicht nur eine wahre Freude, sondern auch ein Goldstück in ihrem Bücherregal haben. Sind manche der Meinung, man könne keine Klassiker lesen, da die Sprache und auch die Erzählung langweilig sind, sind mit diesem Buch bestens beraten; es wird sie eines Besseren belehren.
Im Grunde genommen gehört dieses Buch in jeden Bücherschrank und Sie werden sehen, dass Sie es immer wieder gerne zur Hand nehmen werden, um es noch einmal zu lesen.


5 Sterne


Hinweise
Dieses Buch kaufen bei: amazon.de

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