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August 1931: Im Hafen von Veracruz tummelt sich eine bunt zusammengewürfelte Reisegesellschaft, um sich nach Bremerhaven einzuschiffen. Deutsche, Schweizer, ein Schwede, drei Amerikaner, eine Handvoll Mexikaner und Spanier – die unterschiedlichsten Menschen, die unterschiedlichsten Schicksale, doch alsbald zeigt sich, dass niemand ernsthaft am anderen interessiert ist. Das einzige, worin man sich einig zu sein scheint, sind Egoismus und Ignoranz. Und so beginnt, kaum dass der Anker gelichtet ist, das große Taxieren, Ausgrenzen, Abkanzeln. Moralische Vorurteile werden ebenso laut wie soziale oder rassische. Vor allem am Kapitänstisch, wo man sich unter seinesgleichen wähnt, nimmt man kein Blatt vor den Mund. Distinguierte Damen erweisen sich als skrupellose Intrigantinnen, graumelierte Herren als zynische Menschenverächter, die bei deutschem «Schaumwein» völkische Ressentiments zum Besten geben. Und als in Havanna Hunderte spanischer Plantagenarbeiter ins Zwischendeck der «Vera» gepfercht werden, fühlt man sich erst richtig als Mensch erster Klasse und darf je nach Gemütslage die Nase rümpfen oder sich gerührt die Augen tupfen.

 

 

Originaltitel: Ship of Fools
Autor: Katherine Anne Porter
Übersetzer: Susanna Rademacher
Verlag: Manesse
Erschienen: 27.09.2010
ISBN: 978-3717522201
Seitenzahl: 704 Seiten

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Die Grundidee der Handlung
Katherine Anne Porter hat an diesem Roman sage und schreibe 30 Jahre gearbeitet, bevor es in Druck ging. Aber schon damals, 1930, als Porter ihre ersten Erzählungen veröffentlichte, wurde sie mit einem Schlag bekannt. Viele weitere Erzählungen, Novellen und Essays folgten, aber „Das Narrenschiff“, welches 1962 erschien, war ihr einziger Roman. 1966 erhielt die freie Journalistin und Autorin den Pulitzer-Preis.

Der Klappentext des Buches umreißt im Grunde das Wesentliche dieses Buches. Eine Reisegesellschaft der „oberen Klasse“ reist von Veracruz nach Bremerhaven und der Leser begleitet die bunt zusammengewürfelten Charaktere und lernt jeden einzelnen von ihnen kennen.


Stil und Sprache
Die „Vera“ ist ein nicht allzu großes Schiff, welches hier als Bühne und Schauplatz für eine - im Grunde ganz normale -  Reisegesellschaft dient. Ein paar Wochen dauert die Reise von Veracruz nach Deutschland, und Anne Katherine Porter ermöglich dem Leser diese Reise mitzuerleben.
Man ist mit an Bord als blinder und stummer Passagier und genießt das Vorrecht, alle kleinen Szenen zwischen den Ehepaaren, den Geliebten oder auch nur den Beginn einer neuen Bekanntschaft hautnah miterleben zu können. Daneben zu stehen, wenn ein selbstverliebter Gockel seiner Angebeteten hinterher steigt, eine Frau es nach vielen Ehejahren das erste Mal wagt mit ihrem Mann nicht einer Meinung zu sein oder der Zahlmeister den verachtenswerten Gast mit Nichterfüllen seines Wunsches eines auswischen kann. Episodenähnlich schildert die Autorin die Begebenheiten und wechselt von einem Reisenden zum nächsten, so dass sich letztendlich ein perfektes und harmonisches Gesamtes ergibt.
Sprachlich klar und geschliffen, ohne Pathos und unnötige Ausschweifungen, zeichnet Porter ein Bild banaler und ganz alltäglichen Szenen, mit denen die Reisenden die öde Zeit bis zur Ankunft verbringen. Spielt dieses Stück zwar 1931, so sind die Begebenheiten aber absolut zeitlos und könnten sich ebenso auf einem Luxusdampfer ereignen, der heute den Atlantik überquert. Porters Sprache scheint nicht anspruchsvoll und fordert dem Leser doch alles ab. Mit immenser Intensität zieht die Autorin als Regisseur die Fäden, wirft ihre Darsteller in ihr Stück, lässt sie aber die Rollen spielen, die sie am besten können: sich selbst.

Das Buch ist ein Psychogramm unterschiedlichster Menschen, ein Spiegel der doch so „noblen und gehobenen“ Gesellschaft, ein Blick hinter die so mühsam aufgebaute Fassade oft bedauernswerter Geschöpfe, die sich der eigenen realen Persönlichkeit nicht stellen können - sie könnten es nicht ertragen.


Figuren
„Das Narrenschiff“ transportiert Menschen, wie wir sie alle kennen oder denen wir schon begegnet sind, die wir in Filmen gesehen oder von denen wir gelesen haben. Keine außergewöhnlichen Personen und doch so individuell, dass man jeden sofort wiedererkennen würde, begegnete man ihnen auf der Straße.
Porter beschreibt ihre Figuren nicht, sie hat sie aus dem Leben entliehen. Wie Frau Schmitt, die in ihre Heimat zurückkehrt, um ihrem Mann, der sich im Sarg des Laderaums des Schiffes befindet, nach Hause zu bringen. Das erste Mal in ihrem Leben ist sie auf sich alleine gestellt. Unsicher und ohne Selbstwertgefühl, wird von den anderen schnell bemerkt, dass man sie nicht ernst zu nehmen braucht und für verbale Seitenhiebe ein geeignetes Opfer abgibt.
Am Kapitänstisch sitzen die höher gestellten Leute der Gesellschaft und da passt auch keiner dazu, dessen Frau Jüdin ist, wie sich dies bei Herrn Freytag durch einen dummen Zufall herausstellt. Schnell finden sich – selbst ein kurioses Paar – zwei Leute, um diese Ungehörigkeit dem Kapitän mitzuteilen, denn mit so jemand kann man nicht an einem Tisch sitzen. Kapitän Thiele selbst nimmt sich so eines „Problems“ gerne an, er liebt es, Autorität walten zu lassen, ist es doch die einzige Möglichkeit zu zeigen, welche Macht er hat.
Das Ehepaar Hutten, beide dicklich und nicht unbedingt in bester Beziehung zueinander, haben nur eine einzige Gemeinsamkeit und das ist ihre Bulldogge „Bébé“, die mit ihnen reist und sehr unter der Seekrankheit zu leiden hat. Ein junges Paar, David und Jenny, Amerikaner und nicht verheiratet, verbindet eine Hassliebe und der Leser spürt die knisternde Spannung zwischen ihnen schier körperlich. Herr Löwenthal, der einzige Jude an Bord, lebt von Reliquienverkäufen und wird von jedermann geschnitten, was natürlich nicht an seinem Glauben liegt. Dr. Schumann, der Schiffsarzt, kümmert sich mit immensem Engagement um La Condesa, eine süchtige Gräfin, die als Gefangene nach Teneriffa gebracht werden soll, und kommt in große Gewissenskonflikte.
Während sich in der ersten Klasse die Menschen mit ihrem bornierten und überheblichen Gehabe die Zeit totschlagen, müssen die 876 Spanier im Zwischendeck auf engstem Raum und zusammengepfercht die Reise ertragen. Für die Leute der "besseren Gesellschaft" sind diese natürlich nur Abschaum und sie beäugen sie aus der Entfernung nur mit Verachtung.

Die meisten Reisenden der 1. Klasse sind Deutsche und Porter bietet ein satirisches Theaterstück, welches Überheblichkeit, Gehässigkeit, Standesdünkel und Rassismus ebenso aufzeigt wie Borniertheit, Einsamkeit und Traurigkeit. Ein Kaleidoskop menschlicher Abgründe, welches Porter scharfzüngig, subtil und pointiert gezeichnet hat. Der an sich bedrückenden Geschichte hat aber die Autorin auch eine komisch leichte Seite gegeben und so kommt es auch vor, dass man ob der Situationskomik manchmal weinen könnte vor lachen. Porter lässt all ihre Figuren Mensch sein. Jeder hat sein Bündel zu tragen, nicht alle kommen mit dem Auferlegten zurecht und versuchen so auf ihre Weise das Leben zu meistern. Wirklich sympathischen Figuren begegnet man auf diesem Schiff nicht.


Aufmachung des Buches
Der Manesse-Verlag, bekannt nicht nur für anspruchsvolle, gehobene Lektüre, sondern auch für qualitativ schön gebundene Bücher, hat auch zum „Narrenschiff“ die absolut passende Aufmachung gefunden. Am Cover, welches im eisigen Blau gehalten ist, sieht man auf einer spiegelglatten Fläche (Eis?) tanzende Paare, elegant gekleidet und den Blick in die Ferne, ins Nichts, gerichtet. Als Metapher verstanden, spiegelt dieses Motiv viel vom Inhalt des Buches wider.
Das Buch ist in lediglich 3 Teile gegliedert, „Die Einschiffung“, „Auf hoher See“ und „Die Häfen“, keine Kapitel, keine sonstigen Unterteilungen. Äußert interessant ist das analytische und ausführliche Nachwort von Elke Schmitter, und die Anmerkungen zu bestimmten Ausdrücken erweisen sich als ebenso hilfreich wie das zu Beginn des Buches angeführte Personenregister.


Fazit
Ein wunderbares Buch, welches alles vereint, was man sich von einem anspruchsvollen und intelligentem Werk erwartet. Leicht zu lesen - aber dennoch nicht einfach - und treffend bis ins Innerste, ein Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte. Ob der innere Monolog jedes einzelnen oder die gegenseitige Charakterisierung, die der Leser abseitsstehend beobachten darf, die Autorin hat ein perfekt authentisches Gesellschaftsbild skizziert, dessen Gültigkeit nach wie vor aufrecht ist.
Ein Buch, welches in jeder Bibliothek zu finden sein sollte und man, einmal gelesen, nie mehr vergessen wird.


5 Sterne


Hinweise
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