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Klima schützen, Geld sparen, besser leben: Tübingen will Modellstadt sein. Die schwäbische Universitätsstadt hat deshalb 2006 den damals 34-jährigen Grünen-Politiker Boris Palmer zum Oberbürgermeister gewählt. Er zeigt in diesem Buch, dass Klimaschutz am besten dort gelingt, wo sich die Menschen kennen und auskennen – in den Städten und Gemeinden. Deutlich wird: Wir sollten alle miteinander blaumachen!

 

Eine_Stadt_macht_blau 

Autor: Boris Palmer
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag
Erschienen: 20. April 2009
ISBN: 978-3-462-04113-2
Seitenzahl: 256 Seiten


Umsetzung, Verständnis und Zielgruppe
In erster Linie wirbt Palmer für die Energiewende mit dem Spruch "Global denken – lokal handeln". Er belässt es aber nicht bei Sonntagsreden und dem Fingerzeig auf andere, sondern setzt diesen Slogan mit beachtlichem Elan und Erfolg in die Tat um. Dabei profitiert er natürlich auch, und das betont er immer wieder und macht ihn sehr sympathisch, von den Vorarbeiten, die in Tübingen von der Stadt und den Stadtwerken geleistet wurden. Trotzdem bleibt es beachtlich was dieser Oberbürgermeister und seine Stadt in so kurzer Zeit geschafft haben.

Bei dem werbewirksamen Spruch: Tübingen macht blau, dachte ich zuerst an etwas anderes, aber den Himmel über der Stadt blau machen, indem man in den Klimaschutz investiert, macht genauso viel Sinn. Palmer verbindet Theorie und Praxis hervorragend. Da spricht keiner von abstrakten Möglichkeiten CO2 einzusparen, sondern ein Praktiker. Er erzählt amüsant und nicht wenig stolz von Erfolgen, aber auch von den Pferdefüßen, die dabei auf ihn warteten. Die Niederlagen, die er und seine Verbündeten einstecken mussten und müssen, spornen sie eher an, als dass sie sie demotivieren. Er erklärt,  wie schwer es ist, die Bürger z.B. dazu zu bewegen, vom Auto aufs Fahrrad oder den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Gegen das „heiligs Blechle“ kommt selbst ein Boris Palmer nicht an, obwohl er mit gutem Beispiel voran geht und keinen Dienstwagen mehr fährt, was nicht immer einfach, aber machbar ist, und verordnete den Angestellten der Stadt einen Kurs zum spritsparenden Fahren. Dabei rechnet er auch gleich aus, wie die Kosten-Nutzen-Rechnung, sprich wieviel CO2 eingespart wird, aussieht. Ungefähr 3 Atomkraftwerke könnten beispielsweise abgeschaltet werden, wenn alle elektrischen Geräte wirklich aus wären, nachdem man sie ausgeschaltet hat. Die Stadt Tübingen hat deshalb alle Büroarbeitsplätze mit Steckerleisten ausgerüstet, die dafür sorgen, dass der Computer außerhalb der Bürozeiten keinen Strom mehr frisst. Eine Investition, die sich übrigens bereits nach 4 Monaten rechnete.

Nachdem er bewiesen hat, dass Kleinvieh auch Mist macht, stellt er die größeren Maßnahmen vor, von der energetischen Sanierung einer Schule, über den Austausch von Quecksilberdampflampen in Straßenlaternen gegen energiesparendere Modelle, bis hin zum Bau eines Laufwasserkraftwerks im Neckar. Die "große Politik" vermasselt ihm aber des öfteren die Projekte. Windkraftanlagen sind in Baden-Württemberg kaum realisierbar, weil  ca.99 % der Fläche in diesem Bundesland nicht damit bebaut werden dürfen und bei den übriggebliebenen der Wind nicht genügend weht. Also ist Trick 17 angesagt. Die Stadtwerke beteiligen sich nun an einem Offshorewindpark.

Als Kommunalpolitiker darf man aber nicht zu einseitig denken. Energiesparen muss auch sozialverträglich sein, d.h. nicht nur für die Besserverdienenden, sondern jeder sollte dran teilhaben können. So erdachten die Tübinger Möglichkeiten, wie Gebäude in städtischem Besitz saniert werden können, ohne die Mieter zu sehr zu belasten. An anderer Stelle hatte man die wirklich originelle Idee, dass einkommensschwache Haushalte stromsparende Kühlgeräte bei den Stadtwerken (ohne Mehrkosten) leasen können. Eine weitere prima Idee ist Energiegewinnung aus Abwasser. Die hat Palmer zwar nicht erfunden, aber zum ersten Mal beheizt damit eine Kommune öffentliche Einrichtungen. Zu einer lebenswerten Stadt gehören aber auch neue Städteplanerische Konzepte und eine andere Lenkung des Autoverkehrs. Hier ist in der Vergangenheit in Tübingen schon viel geschehen, das Palmer nur noch fortzuführen und zu ergänzen braucht. Beim Lesen fragt man sich manchmal, weshalb es da noch keine Nachahmer gibt.

Das Highlight ist aber der Abspann des Buches: So machen sie blau: Tipps für persönlichen Klimaschutz. Insgesamt 27 Ökotipps, wie man z.B. am besten auf Ökostrom umsteigt oder spritsparend Auto fährt, sind für jeden Leser oder Leserin gut umsetzbar. Eine Inhaltsangabe und Symbole zu Umsetzung und Wirksamkeit (je nach Schwierigkeits- oder Nachhaltigkeitsgrad) weisen auf die Maßnahmen hin, mit denen wir  CO 2 sparen können.

Abschließend möchte ich noch etwas zu Boris Palmer sagen: Er ist nicht nur ein guter, ideenreicher Oberbürgermeister, sondern an ihm ist auch ein Schriftsteller verloren gegangen. Sein Buch ist gut lesbar, voller Humor und.... was bei einem Sachbuch nicht zu vermuten ist, ein wahrer Pageturner.


Aufmachung des Buches
Das Motto des Buches, dass Städte den Himmel über ihnen wieder Blau machen können, in dem sie konsequent auf Klimaschutz setzen, wird schon durch den Einband signalisiert. Ein wunderbar blauer Sommerhimmel mit ein paar weißen Wolken und davor klein im unteren Drittel und noch etwas auf die Seite gerutscht, der strahlende Oberbürgermeister von Tübingen und Autor des Buches - Boris Palmer, lässig an das Heck seines Dienstwagens gelehnt. Wenn man genau hinsieht, dann weist schon das Nummernschild auf die Kampagne hin: TÜ-CO-2 104. Leider verunziert ein roter Aufkleber mit dem Hinweis auf ein Vorwort von Joschka Fischer das Cover. Trotzdem – alles in allem ein gelungener Hingucker.


Fazit
Diesen mitreißenden und schwungvollen Crashkurs in Klimaschutz und Stadtregierung sollte man auf jeden Fall lesen.


5 Sterne


Hinweise
Dieses Buch kaufen bei: amazon.de

Website zur Kampagne Tübingen macht blau

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