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Zofia_Garden 


Hallo Frau Garden. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben.
Sie sind Manga-Zeichnerin und Ihre Werke bedienen verschiedene Genres, beispielsweise lässt sich Ihre Kurzgeschichte „Ice on Fire“ als Shōjo-Manga einordnen (ein Manga, der vornehmlich Mädchen anspricht), „Im Namen des Sohnes“ ließe sich dem Fantasybereich zuschreiben und Ihr bis dato längstes Projekt „Killing Iago“ ist ein Boys-Love Manga. Haben Sie eine Vorliebe für ein bestimmtes Genre entwickelt?

Nein, nicht so. Ich erfinde verschiedene Geschichten, die sich auch nicht so leicht in ein bestimmtes Genre einordnen lassen. Killing Iago ist nur aufgrund der Schwulenthematik automatisch unter "Shonen-Ai" oder "Boys-Love" zu finden. Es ist schwer einzuschätzen, ob es ein Drama, eine Romanze oder Comedy ist, da all diese Elemente in der Story vorkommen. Ich persönlich würde es als ein "Slice-of-Life-Drama" einstufen, d.h. eine Geschichte aus dem realen Leben, und ich versuche, die Realität so zu schildern, wie ich sie selbst kenne - tiefe Gefühle mit Wendungen in der Geschichte, die man nicht voraussehen kann, plus ein wenig Witz.
Ansonsten muss ich aber zugeben, dass mir das Fantasy-Genre am meisten liegt, weil man dort seiner Fantasie wirklich freien Lauf geben kann. Man muss nicht auf die strengen Bezüge zur Realität achten, aber auch hier spielt für mich die Liebe immer die erste Rolle, um sie dreht sich bei mir immer alles.
Und dennoch habe ich mit Killing Iago einen nicht-Fantasy-Manga erschaffen. *lach* Selbst hier beim Thema Liebe ist es ein Projekt, das sich von all meinen Geschichten abhebt. Ich wollte über eine traurige Liebe/Beziehung schreiben, mit Protagonisten, die keine glückliche Menschen sind, denen alles gelingt, was sie sich vornehmen, sondern außerhalb der Liebesthematik mit ihren eigenen Problemen kämpfen müssen. Und für die Liebe müssen sie über sich hinaus wachsen, sie wird ihnen nicht einfach in den Schoß geworfen. Tragische Liebe ist eigentlich gar nicht so mein Fall, aber zu dieser Story passt sie sehr gut.


Was fasziniert Sie am Zeichnen von Mangas?

Vor allem die Art und Weise, wie man Gefühle darstellen kann. In Comics z.B. kommen Gefühle wie Liebe, Hass oder Verzweiflung grafisch nie so gut rüber wie in den Mangas (meiner Meinung nach). Man hat die Möglichkeit, seine Charaktere mithilfe von verschiedensten Zeichentechniken und Effekten so lebendig zu machen, dass der Leser richtig mitfühlen und mitfiebern kann. Das, was Mangas für mich ausmacht, ist vor allem die Konzentration auf die Charaktere und ihr Gefühlswesen, ganz gleich, ob Romantik oder Actionstorys. Ganz konkret mag ich aber auch die Stilistik und die Möglichkeit, verschiedene Gags mit Chibi-Elementen zu verbinden. Bei der Darstellung der Chibis (Minis) werden die Charaktere, ganz gleich wie alt, in einer superdeformierten Form gezeichnet, sodass sie entweder wie kleine Kinder aussehen (und sich dementsprechend bei dem betreffenden Gag auch wie Kinder benehmen) oder sie bekommen ein verzerrtes Comic-Gesicht, das oft auch unfreiwillig sehr komisch wirkt, selbst ohne dass man einen Gag mit einbringt.  


Wie kommen Sie auf die Ideen zu Ihren Mangas?

Das ist sehr unterschiedlich. Es hängt immer davon ab, was man zeichnen und erzählen möchte. Manche Ideen trage ich jahrelang mit mir rum, manche entstehen einfach durch einen Geistesblitz, aber natürlich brauchen alle ihre Zeit, um sich gut zu entwickeln. Ich kann nicht etwas aufs Papier bringen, das nur halbherzig - oder plötzlich - entstanden ist. Selbst meine Charaktere bekommen ihre endgültige Form erst bei der grafischen Realisierung, damit all ihre Eigenschaften, die sich nach und nach entwickeln und entfalten, beim Zeichnen mit einbezogen werden können. Von der einzelnen Idee bis zum fertigen Plot dauert es eine Weile.


Wie und mit welchen Materialien arbeiten Sie?

Wie die meisten Zeichner benutze ich am Anfang ganz normal Papier, Bleistift und Radiergummi.
Ich zeichne alles vorerst aufs Papier auf und tusche es dann mit wasserfester Tusche und Zeichenfeder (oder Finelinern) nach. Hierzulande ist die japanische Marke Deleter sehr beliebt und verbreitet. Sie bietet ein großes Sortiment von Zeichenmaterialien an: Papier, Tusche, Zeichenfedern, Fineliner und natürlich die Rasterfolien, mit denen man die unterschiedlichsten Effekte erzielen kann. Ich benutze die Tusche, weil sie nicht verblasst (wie z.B. Filzstifte). So bleiben die Seiten vermutlich für immer in einem 1A-Zustand. Ist die Seite fertig getuscht und ausgemalt, wird sie in einer sehr hohen Auflösung eingescannt und im Computer bearbeitet. Im Computer arbeite ich mit Photoshop, Manga Studio und Comicworks. Das sind Programme, mit denen man die Rasterfolieneffekte digital auf die eingescannten Seiten "kleben" kann. Es ist auf die Dauer preiswerter, gerade für jemanden wie mich, der viel mit Rastern arbeitet und gern die verschiedensten Effekte einbringt, da einzelne Rasterfolien im Schnitt doch sehr teuer sind. Wenn die Seiten fertig sind, werden sie an den Verlag weiter geleitet, wo noch gelettert wird.  


Was bedeuten Ihnen Ihre Geschichten und Figuren?  

Sehr viel. Ich versuche, möglichst unterschiedliche Geschichten zu erfinden/erzählen, die sich zwar in dem Motiv Liebe/Freundschaft wieder treffen, aber die Aussagen sind doch sehr verschieden. Meine Figuren tragen oft viel von mir in sich - egal ob Frauen oder Männer. Jede Geschichte spielt sich immer in ihrer eigenen Welt ab und dennoch bleibt diese immer die gleiche - die Welt, die wir kennen, lieben und fürchten. Und in dieser Welt versucht man dann zurecht zu kommen. Und all das entsteht an einem einzigen Zeichentisch und auf ein paar Blättern Papier. Auf diese Weise seine eigene imaginäre Welt zu erschaffen, sich in Form von verschiedenen Charakteren dort zu bewegen, Beziehungen zu erschaffen etc. Für einen Autor (nicht nur Zeichner, sondern auch Schriftsteller z.B.) ist das ein unbeschreibliches Gefühl, das noch gesteigert wird, wenn man hört oder liest, dass es Leser gibt, denen diese Welt gefällt.  


Zofia_Garden_2„Killing Iago“ ist ein Manga mit komplexer Geschichte. Wie behalten Sie den Überblick über das Geschehen und lassen Sie sich beim Handlungsablauf während der Entstehungsphase des Mangas beeinflussen oder haben Sie ein feststehendes Konzept?  

Ja, Killing Iago scheint sehr komplex zu sein. *lach* Ist es aber gar nicht. Oft erscheint es verwirrender, als es tatsächlich ist. Da ich mich intensiv mit der Story beschäftigt habe, noch bevor ich sie überhaupt meinem Verlag vorgestellt habe, ist sie ist bis ins kleinste Detail auf die einzelnen Geschehnisse abgestimmt. Ich weiß ganz genau, was wann passieren wird und was gleichzeitig als Nebenhandlung im Hintergrund läuft. Ich schildere aber nicht die ganze Handlung wie sie kommt, sondern versuche im Nachhinein zu erklären, was los war, um den Überraschungseffekt beizubehalten. Vielleicht wäre es passender gewesen, die Story von Anfang an zu erzählen, dann wäre vermutlich alles viel klarer und verständlicher. Aber ich wollte diesen "Jago-Effekt" mit einbringen, um die Story so zu erzählen, dass man sich genau wie Tedd im Ungewissen befindet. Das ist auch eine Anlehnung an die Realität. In den meisten Storys erfährt man immer die Gedanken und die Gefühle des Gegenprotagonisten, wodurch man alle Charaktere während der gesamten Handlung verstehen und nachvollziehen kann. In der Realität weiß man aber nicht, was der andere wirklich fühlt und denkt und man wird oft enttäuscht oder verletzt, ohne die wirklichen Beweggründe zu kennen. Und man fragt sich, ist derjenige wirklich so ein schlechter Mensch; wenn ja, wie konnte man sich je in ihn verlieben u.Ä. Genauso ergeht es Tedd und dem Leser - man weiß nie, was als nächstes passiert, weil man nicht weiß, was Kou - also der Gegenprotagonist - vorhat oder wie er wirklich fühlt. Ich denke, das einzige "Manko" der Story ist, dass die einzelnen Bände so langsam erscheinen. Killing Iago ist eine Story, die man in ihrer Gesamtheit lesen und verstehen muss, weil man oft zurück blättern muss, um versteckte Hinweise zu erkennen. Ich hoffe sehr, dass ich es im Band 3 schaffe, all die Geheimnisse zu lüften und zu erklären und dass der Leser letztendlich doch alles verstehen und nachvollziehen kann ... Auch wenn er öfters zu einem der früheren Bände greifen muss, um dies und jenes nochmal nachzulesen.  


Haben Sie neue Projekte für die Zukunft?

Ja, viele. *lach* Aber nicht nur im Mangabereich. Mal sehen, was die Zukunft so bringt …


Gibt es etwas, dass Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben möchten?

Lesen! *wörtlich gemeint* Lest viel und immer wieder und selbst wenn etwas verwirrend scheint, versucht zu verstehen, wie einzelne Welten, die für euch als Leser erschaffen wurden, funktionieren. Jeder Autor hat seine eigene Ideenwelt, die er euch näher bringen möchte, aber jeder hat auch seine eigene Art, seine Geschichten zu erzählen. Oft muss man auch mitdenken, um den Autor und seine Welt zu verstehen, aber das ist nichts, wovor man Angst haben müsste, im Gegenteil - das stärkt das Denkvermögen. Versucht auch, euch auf jeden Autor individuell einzustellen und sie nicht miteinander zu vergleichen, gerade bei Mangas/Comics, wo die visuelle Darstellung oft sehr eigen stilisiert ist, damit nicht alle Mangas/Comics gleich aussehen.  


Ich danke Ihnen für das Interview.

Gern geschehen! Viel Spaß noch beim Lesen.

 
Hinweise
Mehr Informationen zu Zofia Garden und ihren Werken gibt es auf folgenden Internetseiten:
Zofia Gardens Seite bei Carlsen Manga
Zofia Gardens Blog 

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