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Xavier ist verurteilt, zweimal "lebenslänglich", und seine Geliebte A`ida schreibt ihm Briefe. Die Magie ihrer Worte - eine Beschwörung der Lust und des Lebens - ist stärker als die Gefängnismauern, und so wird auch in dieser aussichtslosen Situation etwas wie Freiheit und Nähe möglich. Mit seinem Roman hat John Berger ein bewegendes Buch über die Liebe in Zeiten des Krieges geschrieben, das an vielen Plätzen der Welt spielen könnte. Die Schriftstellerin Arundhati Roy bewundert seine "krontollierte Wut, subversive Zärtlichkeit und brennende politische Vision." 

 

  Autor: John Berger
Verlag: Carl Hanser Verlag
Erschienen: 2010
ISBN: 978-3-446-23395-9
Seitenzahl: 205 Seiten
 

Die Grundidee der Handlung
Das Verließ in der Stadtmitte von Suse wird geschlossen, als man in den Hügeln nördlich der Stadt ein Hochsicherheitsgefängnis errichtet. Bei der Räumung des alten Gefängnisses findet man Spuren des letzten Gefangenen aus Zelle 73, Briefe an den Gefangenen Xavier. Xavier, der der Gründung einer terroristischen Vereinigung bezichtigt, zweimal "lebenslänglich" erhalten hatte, erhält über Jahre hinweg Briefe seiner Geliebten A`ida. Neben diesen Briefen finden sich auch Notizen des Gefangenen. Aus der vorangestellten Herausgeberfiktion erfährt der Leser, dass dem Autor auch solche Briefe zugänglich waren, die A`ida nie abgeschickt hat. Die Quelle, könne er – der Autor – aber nicht preisgeben, da dies andere "in Gefahr bringen" könnte.
Drei Bündel hat der Gefangene aus seinen Briefen geschnürt, drei Bündel von zärtlichen Liebesbezeugungen und Sehnsucht, drei Bündel, die von der Vision nach einem besseren Leben handeln, von der Überzeugung, dass der geführte Kampf nicht umsonst gefochten wird, und von einer nicht endenden Hoffnung, sich wieder zu sehen.


Stil und Sprache
John Berger ist vor allen Dingen für seine essayistischen Arbeiten und seine Kulturkritiken bekannt. Immer wieder hat der Autor sich in der Vergangenheit für Frieden und Gerechtigkeit eingesetzt. Daher verwundert es nicht, dass Berger sich in seinem Roman "A und X" auch mit dieser Thematik auseinander setzt. Verwunderlich ist allerdings, wie er die Vermittlung seiner politischen Botschaft zu vermitteln versucht. Das Aufbegehren gegen den Unrechtsstaat und die politische Vision für eine bessere Zukunft, sind in dem gleichen zärtlichen Ton verfasst wie die Liebesbezeugungen an Xavier und wirken wie durch eine getönte Brille abgemildert. Der Leser erfährt nichts genaues über die Umstände des Unrechtsregimes, dass Berger in einem fiktiven Land angelegt hat. A`ida vermeidet die Konfrontation mit der Wirklichkeit des Lebens in diesem Unrechtsregime, sei es um ihren inhaftierten Geliebten zu schonen oder sich selbst. Stattdessen erzählt sie von ihren Begegnungen in der Apotheke, in der sie arbeitet, von Alltagsbesorgungen, der Reparatur eines Stuhles, von dem Traum mit ihm eine Süßspeise zu verzehren oder dem "Geruch reifer Johannisbeeren" oder "dem „Blau kleiner reifer Pflaumen". Mitunter muten A`idas Briefe auch philosophisch an, wenn sie über die Zeit nachdenkt: "Die Vergangenheit ist das einzige, dem wir nicht ausgeliefert sind. Wir können mit ihr machen, was wir wollen."
Grundsätzlich gefällt mir die zarte Ausdrucksweise Bergers, schade ist nur, dass manche Formulierungen eine Tendenz zum Abgedroschenen haben wie, „ich folgte der Straße, mit gebrochenem Herzen, doch ohne Furcht“.

Auch wenn die politische Idee des Buches weitgehend zurückhaltend wirkt, liefert sie doch die ausdrucksvollsten Sätze: "Nun denke ich, die Ewigkeit ist etwas, von dem man gerüchteweise hören und etwas auf der Strasse aufschnappen wird, wenn die Zukunft beginnt und die Strassen gepflastert sind, die Gewehre zu Hause bleiben und die Väter den Kindern Rechnen beibringen".


Figuren

Berger hat seinen Roman ausschließlich in Briefen konzipiert, die nicht durch ergänzende Erzählungen unterbrochen werden. Alles, was der Leser erfährt, erfährt er unmittelbar aus den Briefen A`idas oder aus den Notizen von Xavier. Dies schafft eine hohe Unmittelbarkeit und ermöglicht eine große Nähe zu den Personen, zumindest funktioniert dies bei A`ida.

A`ida, diese zähe Person, die versucht, ihrem Geliebten Trost zu spenden und ihm an ihrem Alltag teilhaben zu lassen. Sie ist beseelt von dem Glauben, das Richtige getan zu haben, auch wenn das heißt, für immer von Xavier getrennt zu sein: "mein Tag beginnt nicht mit Deiner Abwesenheit. Er beginnt mit unsere gemeinsamen Entscheidung, genau das zu tun, was wir tun.“ Ihr Schicksal geht dem Leser schon zu Herzen, trotzdem wundert man sich, wie A`ida trotz himmelschreiender Ungerechtigkeit nur zärtliche Worte findet. Schließlich hat man ihnen die Hochzeit abgelehnt, so dass ein Besuchsrecht unmöglich wird, und sie erhält auch keine Briefe aus dem Gefängnis.
Die Nähe zu dem Gefangenen Xavier sucht der Leser vergeblich herzustellen, insofern ist auch der deutsche Untertitel "Eine Liebesgeschichte in Briefen" nicht ganz schlüssig, da die Notizen Xaviers nicht aus Briefen bestehen, sondern Faktenwissen, Geschehnisse im Gefängniss aufzeichnen oder Zitate enthalten, aber nie eine Interaktion mit A`idas Briefen oder ihrer Person herstellen. Die Gefühlslage des Gefangenen bleibt somit in der Grauzone, eine Identifikation mit Xavier ist nicht möglich. Dies ist mehr als schade, denn es nimmt dem Buch das emotionale Potential, das die Geschichte hergeben würde. 


Aufmachung des Buches
Die Gestaltung des gebundenen Buchs enthält Anspielungen auf die Thematik: auf dem Cover ist vergilbtes Briefpapier angedeutet, vor einem Hintergrund, der wie eine Gefängnismauer anmutet. Das Schattenbild eines nackten Frauenkörpers und das Seitenprofil eines männlichen Oberkörpers symbolisieren A`ida und den Gefangenen Xavier. Auf dem Vorsatz enthält das Buch antike Porträits einer Frau und eines Mannes. Dieselben Bilder zieren auch die letzten Seiten des Bildes. Das Buchäußere ist gestalterisch harmonisch und passt zu den leisen Tönen des Inhalts.


Fazit
Ich stimme Harold Pinter (s. Rückseite des Buches) insoweit zu, dass es ein „zärtliches“ Buch ist. Allerdings, um „ergreifend“ zu wirken, hätte ich mir Zärtlichkeit von beiden Seiten gewünscht. Dadurch, dass der Gefangene nie in einen Austausch mit seiner Geliebten tritt (wenigstens in seinen Notizen hätte ein fiktiver Gedankenaustausch mit seiner Geliebten ja stattfinden können), gelingt es dem Roman nicht, eine Spannung zwischen den beiden Hauptprotagonisten aufzubauen. Dies ist nun einmal Voraussetzung für eine „Liebesgeschichte in Briefen“. Daher berührt dieses Buch weit weniger, als man aufgrund des Themas vermutet hätte.


3 Sterne  
 

Hinweise
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