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Gott, was machen Deine Diener?
Die Kirchen haben die Moral gepachtet – fühlen sich aber nicht daran gebunden. Die katholische Kirche verkündet den Vorrang des Lebens – und nimmt Aids-Tote in Kauf, wenn sie Kondome verbietet. Die evangelische Kirche predigt Erbarmen – und beteiligt sich an der Abschiebung von Ausländern. Vom Kindergarten über die Seelsorge bis zur Entwicklungshilfe – Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Ulli Schauen, Spross einer Pfarrersfamilie, rückt ins Licht, was die Kirchen gern im Dunkeln lassen. Sein Fazit: Sie sind auch nicht viel besser als der Rest der Welt.

 

 

Autor: Ulli Schauen
Verlag: Heyne
Erschienen: 6. April 2010
ISBN: 978-3-453-60138-3
Seitenzahl: 304 Seiten

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Stil und Sprache
Schauen ist Journalist und das merkt man seinem Stil zum Teil durchaus an, allerdings lässt er die gebotene sachliche Distanz absolut vermissen. Er schreibt verständlich in eher kurzen Sätzen, manchmal allerdings versteigt er sich in Schachtelsätze, denen der innere Zusammenhang fehlt. Ein zweites Mal lesen ist dann angesagt. Eingestreut in seine Zusammenfassung der Kritik an den beiden christlichen Kirchen in Deutschland findet sich "Lamberts Dossier" (gedruckt in Kursivschrift), in dem der Autor die Erlebnisse und Erfahrungen seines Bruders Lambert und seiner Familie mit und in der Kirche festhält. Sie veranschaulichen die zuvor geäußerte Kritik am persönlichen Beispiel. Von Zeit zu Zeit würzt er seine Anklage mit Ironie und etwas Humor. Zum Glück, denn sonst wäre das Buch nur schwer zu ertragen, der Ton zu larmoyant.


Umsetzung, Verständnis und Zielgruppe
In einem Vorwort fasst Ulli Schauen den Inhalt seines Buches und seine Motivation dieses Buch zu schreiben kurz zusammen. Man weiß also nach den ersten Seiten woran man mit ihm ist. Trotzdem oder gerade deshalb ist man auf die Subjektivität überhaupt nicht vorbereitet. Den Titel hielt ich für eine ironische Übertreibung und Anspielung auf die schon reflexartige Gegenwehr der Kirchen auf Kritik von innen und außen. "Da ist ein Kirchenhasser am Werk" zitiert Schauen folgerichtig auch mehrfach sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche. Insgesamt aber fürchte ich, trifft dieses Wort Kirchenhasser aber doch den Kern dieses Buches. Es wird Anklage auf Anklage gehäuft, durchaus berechtigt, aber in ihrer Einseitigkeit irritierend. Der bundesdeutsche säkulare Staat erscheint von der Kirche massiv unterwandert – Abgeordnete des Bundestages haben gleichzeitig hohe Ämter in den Kirchen inne, Ausnahmegesetze und der Einzug der Kirchensteuer durch die staatlichen Finanzbehörden unterstreichen diesen Eindruck. Oder er wird als Melkkuh betrachtet, und dem könnte man auch zustimmen, wenn man liest, dass z.B. die Kosten der Kindergärten zu 80 – 100 % (je nach Bundesland) vom Staat getragen werden, während die Kirchen sich mit ihrem sozialen Engagement schmücken. Verwundert fragt man sich allerdings, weshalb der Staat das alles zulässt? Anschaulich verdeutlicht Schauen an mehreren Beispielen, dass es den Staat billiger käme, die an die Kirchen delegierten Aufgaben selbst zu übernehmen oder darauf zu bestehen, dass da, wo Kirche draufsteht auch Kirche drin sein muss, und nicht Staat wie bei Kindergärten und Entwicklungshilfe. Was also hat der Staat von diesem Arrangement? Wieso verzichtet er auf Einnahmen wie im Fall der steuerlich abzugsfähigen Kirchensteuer? All das bleibt unbeleuchtet und so natürlich unbeantwortet. Und das ist meine Kritik an diesem Buch: es fehlt die Ausgewogenheit. Andererseits regt diese Einseitigkeit auch an, sich weiter zu informieren und den Dingen auf den Grund zu gehen. Vielleicht ist das ja die eigentliche Absicht des Autors.

Hin und wieder spricht Schauen auch von seiner eigenen Kindheit und Jugend in der Familie eines evangelischen Pfarrers. Wieder stellt man sich Fragen: Meint der Autor überhaupt die Kirchen und ihr Personal, wenn er deren Heuchelei und Überheblichkeit anprangert? Spricht aus diesem Buch nicht in erster Linie der zutiefst vom Vater enttäuschte Sohn?

Wer sich mit dem Thema Kirchen befasst, wird nicht wirklich viel Neues finden, verdienstvoll ist allerdings die Zusammenstellung all dieser Fakten in einem Buch. Mich hat vor allem die enge Verflechtung zwischen Staat und Kirchen erschreckt und ... wie wenig Rechte die Angestellten der Kirchen genießen. An mehreren Beispielen zeigt er auf, dass für Arbeitnehmer der übliche Datenschutz nicht gilt und wie Lohndumping von den Kirchen durchgesetzt wird. Ganz zu schweigen davon, dass sich ca. 70 % der "sozialen" Arbeitsstellen sowieso in kirchlicher Hand befinden und Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber oberste Priorität genießt. Wer keiner Kirche angehört, bekommt auch keine Stelle, wer austritt, verliert sie. Und so ist Mobbing vieler Orten Tür und Tor geöffnet. Die Kirchen rühmen sich ihres "christlichen Menschenbildes" und treten es gleichzeitig mit Füßen. DAS ärgert Schauen zutiefst und deshalb schrieb er dieses Buch.


Aufmachung des Buches
Das Taschenbuch ist in klassischem Schwarz-Weiß gehalten. Ein kopfüber in den Boden gerammtes Kreuz lässt zunächst verschiedene Deutungen zu: Hat man es mit einem Buch über Satanisten zu tun? Oder mit einem makabren Thriller? Mitnichten. Der Titel klärt denn auch gleich über den Inhalt auf "Das Kirchenhasser Brevier" - Aha!  Solcher Art neugierig gemacht nimmt man das Buch zur Hand und nach kurzem Anlesen auch mit zur Kasse. Ein großes Lob geht hiermit an die Designer des Covers.


Fazit
Uli Schauen, der Kirchenhasser, hat ein Buch geschrieben, das an Subjektivität kaum zu überbieten ist, das aber gerade durch diese Einseitigkeit den Leser zwingt, sich mit der Materie näher zu befassen und damit auseinander zusetzen, nicht alles brav zu schlucken, was man ihm vorsetzt. Trotz aller Kritik erfüllt es seinen Zweck, nämlich aufzuklären und zum Nachdenken aufzufordern. Darüber hinaus schätze ich den Mut des Autors, so konkret und angreifbar zu einem Thema Stellung zu nehmen - eine Seltenheit in unserer Zeit.


4 Sterne


Hinweise
Dieses Buch kaufen bei: amazon.de

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