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Hallo Frau Belitz. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben.

Sie haben schon früh Ihre Leidenschaft für Bücher entdeckt. Doch im Alter von 12 Jahren beschlossen Sie, dass Lesen nicht genug ist, und brachten eigene Geschichten zu Papier. Ihre Eltern waren wohl weniger begeistert davon … Was fasziniert Sie am Schreiben?

Für mich sind zwei Faktoren besonders spannend: auf der einen Seite das Handwerk, also das Komponieren mit Worten, durch das im Glücksfall eine besondere Stimmung entsteht, und auf der anderen Seite das Eintauchen in eine andere Realität. In dem Moment, in dem ich schreibe, lasse ich mich voll auf meine Protagonisten und deren Umfeld ein - ich schlüpfe quasi in ihre Haut. Das macht mein Leben unweigerlich reicher. Gleichzeitig ist es aber wichtig, beim Nacharbeiten und Korrigieren den Abstand zum eigenen Werk zu wahren.
All diese Komponenten finde ich reizvoll. Schreiben kann wie Träumen sein, aber auch wie Mathematik - je nachdem, in welcher Phase des Arbeitsprozesses man sich gerade befindet. Meine Eltern hatten damals wahrscheinlich Angst, dass ich mich in meinen Geschichten verliere und die Realität um mich herum vergesse. Aber das ist nie passiert.


Mit „Splitterherz“ ist Ihr erster Roman erschienen. Eh der Leser sich versieht, versinkt er in dieser scheinbar alltäglichen Welt eines Teenagers, in die sich nach und nach das Ungewöhnliche schleicht, bis die Seiten einen nicht mehr loslassen. Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen?

Die Welt der Träume hat mich schon immer fasziniert, aber die Geschichten, die ich vor "Splitterherz" schrieb, waren fest in der Realität verhaftet - zum Beispiel mein Buch "Sturmsommer", das in Kürze bei Thienemann erscheint. Auch habe ich kaum Fantasy gelesen. Als ich erfahren hatte, dass ich schwanger bin, beschloss ich, noch einmal nur zum Spaß einen Roman zu schreiben, bevor es wegen der Mama- und Jobpflichten vielleicht nicht mehr möglich ist - und zwar abseits der gewohnten Pfade. Er sollte einen Hauch Fantasy haben, aber keine künstliche Parallelwelt. Das war mir wichtig. Als ich damit begonnen hatte, wusste ich allerdings noch nicht, wo die Geschichte hinführt. Ich hatte nur Ellie und Colin vor mir - und eine Art Stimmung. Ich schrieb also munter drauf los, und nach den ersten Kapiteln motivierte mich eine Freundin, weiterzumachen. Einige Monate später fand (m)ich meine Agentin, sie machte Loewe auf diesen Entwurf aufmerksam, es gab einige Mailwechsel und Telefonate, ich schrieb ein neues Exposé, der Verlag gab grünes Licht - das Ergebnis: Splitterherz.


Wie lange haben Sie an dem Roman gearbeitet?

Nachdem ich wusste, dass Loewe meine Idee zu einem Buch machen möchte, habe ich noch einmal von vorne angefangen. Das Konzept wurde in enger Absprache mit Lektorin und Verlag aufgefrischt - denn jetzt wusste ich ja, dass es Leser geben würde und ich nicht mehr nur für mich schreibe, und es musste ins Programm passen. Es sollte Hand und Fuß haben. Unter anderem habe ich das Setting geändert, das zuerst im reinen Reiterumfeld platziert war. Ich habe die Geschichte von Januar bis Mitte April in die Tasten gehauen - es war ein kleiner Höllenritt; eine intensive und aufregende Zeit. Danach nahmen das Lektorat und die damit verbundenen Korrekturen und Ergänzungen noch einige Zeit in Anspruch - bei 632 Seiten kein Pappenstil. Meine Lektorin und ich haben im Sommer kiloweise Papierstapel quer durch Deutschland geschickt.


Ihr Kater ‚Rambo‘ hat als Vorlage für Colins Mr. X hergehalten, ja ohne ‚Rambo‘ hätte Colin wohl gar keine Katze, wie Sie in Ihrem Blog erwähnen. Wie ist es dazu gekommen?

Das ist eine dieser Ideen, die mir ganz plötzlich zugeflogen kommen. Ich versuchte mir Colin vorzustellen, wie er nachts vor seinem Haus sitzt und in die Dunkelheit schaut - und sah einen schwarzen Kater um seine Beine streichen. Das wäre aber sicherlich nicht passiert, wenn ich nicht selbst ein solches Exemplar zu Hause hätte. Katzen sind für mich mystische, aber auch sehr drollige Tiere. Und es sind Geschöpfe der Nacht. Ich finde, sie passen zu Colin. Außerdem haben sie wie er einen räuberischen Charakter ...


Träume spielen in „Splitterherz“ eine sehr große Rolle, sie machen einen wesentlichen Teil des Romans aus. Wie wichtig sind Ihnen Träume?

Das kann ich in Worten kaum beschreiben. Ich träume viel und lebhaft. Träume können inspirieren, trösten, entspannen und sogar helfen, etwas zu verarbeiten. Ich glaube, dass Träume für die Seele extrem wichtig sind. Manchmal wache ich auf und denke: Verdammt, ich würde gerne noch mal zurückkehren. Gleichzeitig gibt es Träume, über die ich nur lachend den Kopf schütteln kann oder froh bin, ihnen entronnen zu sein. Aber alles in allem möchte ich niemals darauf verzichten. Denn ich erlebe nachts eine ganze Menge!


Die Figuren in „Splitterherz“ – allen voran Ellie und Colin – sind wunderbar dreidimensionale Charaktere, die der Leser gerne durch die Geschichte begleitet und schnell ins Herz schließt – trotz, oder gerade wegen ihrer Schrullen. Wie lernen Sie Ihre Figuren kennen? Erstellen Sie eine Checkliste oder führen Interviews mit Ihren Figuren? Oder stehen diese plötzlich vor Ihnen?

Ja, es ist tatsächlich so, auch wenn es seltsam klingt: Sie stehen plötzlich vor mir oder ich darf sie mit einem Mal beobachten. Für mich ist es weniger so, dass ich sie erfinde - nein, ich finde sie, und zwar meistens dann, wenn ich Musik höre. Ich sehe sozusagen der Verfilmung meiner eigenen Ideen zu, die mich in diesem Moment überfallen, und versuche, sie anschließend niederzuschreiben. Deshalb gibt es zu Colin und Ellie auch einen persönlichen Soundtrack.


War es für Sie schwer, sich von Ihren Figuren zu trennen, nachdem Sie den letzten Punkt unter das Manuskript gesetzt haben?

Ja. Und wie! Das ist jedes Mal das gleiche Spiel: Einerseits fühle ich eine große Befriedigung und Erleichterung. Andererseits bin ich anschließend einige Tage lang etwas unleidlich, weil mir die Figuren regelrecht fehlen. Aber dann fängt man ja mit den Korrekturen an und hat wieder intensiv mit ihnen zu tun - sie laufen einem nicht weg. Auch, wenn ein Buch beendet ist, leben die Protagonisten in meinem Kopf weiter und ich kann sie jederzeit "besuchen", wenn ich möchte.


Haben Sie bestimmte Rituale, die Sie beim Schreiben einhalten, beispielsweise eine feste Schreibzeit oder eine festgelegte Seitenzahl pro Tag?

Ich versuche, jeden Tag eine Handlungseinheit, im Idealfall ein Kapitel, zu formulieren. Seitenvorgaben mache ich nicht. Ich arbeite nur halbtags, meistens vormittags, da ich nachmittags den Kleinen übernehme. Mein Freund, der ebenfalls selbstständig ist, und ich teilen uns die Kinderbetreuung. Wenn etwas liegen bleibt, setze ich mich nach dem Abendessen noch einmal an den Schreibtisch. Oder ich schreibe vor dem Frühstück ein paar Seiten. Zum Schreiben brauche ich einen Raum, in dem ich mich geschützt und wohl fühle - den habe ich hier zum Glück. Ein kleines Dachzimmerchen mit Blick auf den Wald.


Sie wurden durch Ihr Blog von Ihrer Agentin entdeckt. Wie hat sich das genau zugetragen? Im Regelfall laufen sich Autoren mit Ihren Manuskripten eher die Nase an den geschlossenen Verlagstüren blutig …

Ja, und genau aus diesem Grund habe ich es nie gewagt, bei den Verlagen anzuklopfen. Ich habe eines Tages die Adresse meines Blogs und eine kleine Leseprobe in einer Autorengruppe des Netzwerks XING gestellt. Daraufhin schrieb mich ein Autorenkollege, den ich bis dato nicht kannte, an und riet mir, ich solle mir eine Agentin suchen. Ich gestand ihm, dass mir dazu der Mut fehlt. Daraufhin gab er seiner eigenen Agentin die Adresse meines Blogs, sie las darin, mailte mich an, wollte mehr Leseproben haben - und nun ist seine Agentin auch meine Agentin. Ich bin diesem Menschen unglaublich dankbar. Er hat mit dieser Tat mein Leben verändert. Und ich danke meiner Agentin, dass sie mich unter Vertrag genommen hat, obwohl ich im siebten Monat schwanger war.


Zu dem Buch „Splitterherz“ gibt es einen eigenen Blog mit Leseproben und Kommentaren von Ihnen. War das Ihre Idee oder kam der Vorschlag eher von Verlagsseite?

Der Vorschlag kam vom Verlag. Doch meine Lektorin wusste, dass ich gerne blogge und interessiert daran bin, im Internet präsent zu sein. Ich bin glücklich, dass es dadurch die Möglichkeit gab, den Lesern vorab Einblick ins Buch und meine Schreiberei zu gewähren. Und natürlich werden wir den Blog weiterhin pflegen.


Am 11. Dezember war es soweit: Ihr Buch steckte in einem unscheinbaren Karton im Briefkasten. Was war es für ein Gefühl, als Sie das fertige Buch das erste Mal in den Händen gehalten haben?

Sehr unwirklich. Ganz ehrlich: Richtig glauben kann ich das Ganze immer noch nicht. Ich weiß, dass es dieses Buch gibt, ich kann es anfassen und mit mir herumtragen, aber die Vorstellung, dass es fremde Menschen womöglich bald auf ihrem Nachttisch liegen haben, fühlt sich verdammt abstrakt an - aber auch schön! Das Glück kam portionsweise; es gibt immer wieder Momente, in denen ich innehalte und denke: Ich hab es geschafft! Es ist wirklich wahr! Aber ich bin momentan auch schrecklich nervös, da ich nicht weiß, was auf mich zukommt.


Wie ich kürzlich erfahren habe, arbeiten Sie bereits an zwei weiteren Romanen. Worauf dürfen sich Ihre Leser freuen? Können Sie uns schon einen kleinen Ausblick auf Ihre aktuellen Projekte geben?

Am 18. Januar erscheinen neben Splitterherz noch "Sturmsommer", ein moderner Pferderoman für Mädchen und Jungs (Thienemann) und die ersten beiden Bände meiner Kinderbuchreihe bei Loewe ("Fiona Spiona", Erstlesealter).
Oh, und was das neue Projekt betrifft: Es wird ziemlich turbulent. Ich habe gerade den zweiten Band fertig geschrieben und kann schon so viel verraten: Meine neue Heldin ist eine kleine Krawalltante - aber von der sympathischen Sorte. Und sie hat das Talent, sich in die unmöglichsten Situationen zu manövrieren - eines Tages erfährt sie, warum ...
Tja, und in den nächsten Tagen beginne ich mit dem zweiten Band von "Splitterherz". Es wird also weitergehen!


Herzlichen Dank für das Interview.


Hier geht es zu dem Song, der im Frühjahr 2008 die ersten Ideen zu "Splitterherz" in Bettina Belitz' Kopf entstehen ließ.

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