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"Sieht ganz so aus, als wäre er schon unentbehrlich geworden. Wie mein Onkel Isidore immer sagte: 'Wenn die Hunde im Wald sind, schleicht sich der Fuchs in den Hühnerstall.' Ich mag in meinem Leben nicht viel gelernt haben, aber ich kenne die Männer. Und ich glaube, ihr seid auf dem besten Weg, euch von diesem Lulatsch einwickeln zu lassen. Und du, Marie… Du hast so strahlende Augen…"

Mit dem ersten Schnee des Winters erlebt das verschlafene Nest Notre-Dame am See die Ankunft eines Fremden. Ein "feiner" Städter, der bei der hübschen Witwe Marie Quartier bezieht und an baldige Abreise nicht zu denken scheint. Seltsame Sitten! Kennt die denn gar kein Schamgefühl, so kurz nach dem Tod ihres Mannes?! Doch selbst die spitzesten Zungen am Ort erliegen rasch dem Zauber des charismatischen Serge, mit dem ein Hauch von weiter Welt und eine bis dahin nicht gekannte Lebensfreude Einzug halten. Für die kauzigen Dorfbewohner beginnt eine turbulente Zeit…

In stimmungsvollen Bildern versetzen Régis Loisel („Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit“, „Peter Pan“) und Jean-Louis Tripp den Leser in die kanadische Provinz der 1920er Jahre und entfalten vor seinen Augen eine höchst menschliche Geschichte voller melancholischer Heiterkeit.

 

 

Originaltitel: Magasin Général - Serge
Autor: Régis Loisel, Jean-Louis Tripp
Übersetzer: Martin Budde
Illustrationen: Régis Loisel, Jean-Louis Tripp
Verlag: Carlsen Comics
Erschienen: August 2007
ISBN: 978-3-551-76052-4
Seitenzahl: 74 Seiten
Altersgruppe: ab 14 Jahren


Die Grundidee der Handlung
Band 1 endete damit, dass Marie mit den ersten Schneeflocken einen Fremden mitsamt seinem Motorrad bei einer Fahrt mit dem Pick-up auflud. Serge, so heißt der weltgewandte Städter aus Montreal, wirbelt das gesittete und festgefahrene Leben der Dörfler aus Notre-Dame am See ganz schön durcheinander. Während sich die arbeitstüchtigen Männer im Winter in den Wäldern befinden, nistet sich Serge mit unwiderstehlichem Charme und verführerischen Kochkünsten schnell in die Herzen und Mägen der Daheimgebliebenen ein…

Wurde im 1. Band die Aufmerksamkeit sehr vielen Personen gewidmet, so stehen diesmal Marie und Serge eindeutig im Mittelpunkt der Handlung, andere liebgewonnene Charaktere wie z.B. der Pfarrer und Jacinthe degradieren zu Randfiguren. Deshalb freute es mich umso mehr, dass sich der bisher vorgestellte Personenkreis um den Bürgermeister, seinen geistig zurückgebliebenen Sohn Gaetan sowie einen erblindeten Kriegsveteranen erweitert. Ich denke, auf diese Weise werden sich mit jedem Band langsam immer mehr Dorfbewohner dem Leser erschließen, ohne dass das Gefühl aufkommt, mit zu vielen Personen auf einmal überrollt zu werden.


Beurteilung der Zeichnung / Textdarstellung
Da nun der Winter in unserem kleinen Nest eingekehrt ist, spielt sich der Alltag nicht mehr überwiegend im Freien, sondern in den Holzhütten ab, wo man es sich so richtig gemütlich macht. Die winterliche Landschaft ist großflächig mit Schnee bedeckt, dabei dominieren kühle Farben von gedecktem Weiß über Eisblau bis Hellgrau. Die Sonne wird ganz unterschlagen, sonnige Tage sind lediglich am hellen Horizont, den dezenten Spiegelungen oder an den Licht- und Schatteneffekten zu erkennen.

Erster Höhepunkt ist die Schweineschlacht, bei der das gesamte Dorf mitwirkt. Nach einem turbulenten Ritt des Dorfpfarrers auf der Sau, gelingt es schließlich mit vereinten Kräften, das störrische Vieh zu bändigen. Hier ist kein Text nötig, um den Leser zum Schmunzeln zu bringen, einzig das markdurchdringende Gequieke des armen Tiers durchbricht in Großbuchstaben die dramatischen Bilder. Doch das eigentliche Highlight des Bandes ist Heiligabend, an dem Serge mit viel vorausgehender Geheimniskrämerei einen erlesenen Freundeskreis bekocht. Schon die umfangreichen Vorbereitungen und die opulenten mit Damast, teurem Porzellan, schwerem Tafelsilber und dreiflammigen Kerzenleuchtern gedeckten Tische lassen Großes erahnen. Da bleibt nicht nur der kleinen Gästeschar der Mund offen stehen. Der festlich geschmückte Raum ist in behagliches Kerzenlicht getaucht und leuchtet dezent in den warmen Erdfarben Rostrot, Beige und Braun. Mit groß ins Bild prangenden, luftigen Brioches läutet Serge das mehrgängige Festmahl ein und ich kann nur jedem Leser wärmstens empfehlen, bevor er sich dieser Lektüre widmet, ausreichend zu essen, sonst läuft einem garantiert das Wasser im Munde zusammen bei all den Köstlichkeiten, die hier aufgetischt werden. Dass es Serges Gästen vortrefflich schmeckt, kann man wunderbar an ihren großen, leuchtenden Augen und den vollgestopften Mündern mit aufgeplusterten Backen erkennen.

Textdarstellungen verhalten sich analog des 1. Bandes. Die Seiten, auf denen viele Personen anwesend sind und viel geschnattert wird, dementsprechend auch die volle Aufmerksamkeit des Lesers erfordern, stehen immer wieder im Wechsel mit mehrseitigen Szenen, die nur mit wenigen oder gar keinen Dialogen auskommen, so dass insgesamt ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Zeichnungen und Text besteht. Genauso folgen auf ruhige Momente der Zweisamkeit zwischen Marie und Serge immer wieder turbulente, quirlige Szenen mit der Dorfgemeinschaft, was ein zügiges, süffisantes Lesen zur Folge hat. Ich jedenfalls habe den Band in einem Rutsch weggelesen und mir auf der letzten Seite gewünscht, noch ein wenig länger in Notre-Dame verweilen zu dürfen, zumal diese wieder mit einem gemeinen Cliffhanger endet.


Aufmachung des Comics
Der Band ist hochwertig im A4 Format mit harten, hochglänzenden Umschlagdeckeln gebunden. Das Titelbild zeigt Serge auf seinem Motorrad inmitten tiefstem Schnee und lässt sowohl zeichnerisch als auch farblich perfekt auf den Innenteil schließen. Wie schon in Band 1 findet sich auf den Vor- und Nachsatzblättern ein Lageplan von Notre-Dame am See und Umgebung, genauso wird dem Leser wieder auf zwei Seiten die Entstehung der Zeichnungen vorgeführt.


Fazit
Eigentlich hatte ich mich schon beim Lesen des ersten Bandes unsterblich in die Bewohner von Notre-Dame am See verliebt, jetzt - nach dem zweiten Band - bin ich richtiggehend süchtig geworden nach den amüsanten, wohltuenden Alltagsgeschichten des Autoren- und Zeichnerduos Régis Loisel und Jean-Louis Tripp. Ich kann diese bezaubernde, nostalgische Serie nur jedem - von jung bis alt - wärmstens ans Herz legen.


5 Sterne


Hinweise
Diesen Comic kaufen bei: amazon.de

Backlist:
Band 1: Marie 

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