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- Na hör mal, Marie! Alle nutzen dich aus, und du… du scheinst es nicht mal zu merken!
- Man muss helfen, wo man kann, Jacinthe… Ich versuch’s jedenfalls.
- Ja, aber früher, da hat sich Felix um den Laden gekümmert!
- Ich weiß, meine liebe Jacinthe… ich weiß. Aber so bin ich nun einmal…

Als in dem kleinen Nest Notre-Dame am See der Krämer Felix Ducharme das Zeitliche segnet, sieht sich die Dorfgemeinschaft plötzlich ihres weltlichen Dreh- und Angelpunktes beraubt. Alle Augen sind nun auf seine Witwe Marie gerichtet: Ist sie in der Lage, den Gemischtwarenladen allein weiterzuführen und den Dörflern das unentbehrliche Tor zur Welt zu sein? Eine Frau, und noch dazu eine Zugezogene? Tatkräftig beginnt Marie, nicht nur den verschrobenen Hinterwäldlern die Zweifel auszutreiben, sondern auch sich selbst. 

In stimmungsvollen Bildern versetzen Régis Loisel („Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit“, „Peter Pan“) und Jean-Louis Tripp den Leser in die kanadische Provinz der 1920er Jahre und entfalten vor seinen Augen eine höchst menschliche Geschichte voller melancholischer Heiterkeit.

 

 

Originaltitel: Magasin Général - Marie
Autor: Régis Loisel, Jean-Louis Tripp
Übersetzer: Martin Budde
Illustrationen: Régis Loisel, Jean-Louis Tripp
Verlag: Carlsen Comics
Erschienen: Januar 2007
ISBN: 978-3-551-76051-7
Seitenzahl: 82 Seiten
Altersgruppe: ab 14 Jahren

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Die Grundidee der Handlung
In „Das Nest“ geht es um ein fiktives, abgelegenes, kleines Dorf und dessen Bewohner im französischen Teil Kanadas während der 1920er Jahre. Mit liebevollem Blick und zwinkerndem Auge werden alltägliches Leben, Sorgen und Probleme sowie die Beziehungen zueinander anhand einzelner Episoden geschildert, beginnend im Frühling bis zum Fall der ersten Schneeflocken auf der letzten Seite.

Herausragende Figuren in Band 1 sind die Witwe Marie, die sich nach dem Tod ihres Mannes gezwungen sieht, ihr Leben komplett neu zu ordnen, die altkluge Halbwüchsige Jacinthe, welche Marie während deren Trauerzeit tapfer zur Seite steht, drei verschrobene alte Schachteln, die argwöhnisch alles und jeden im Dorf beäugen, insbesondere den neuen Pfarrer, der neben seiner Bodenständigkeit eine erstaunliche Pfiffigkeit in technischen Dingen an den Tag legt und damit dem ungläubigen schwarzen Schaf der Kirchengemeinde, einem kauzigen Sägewerksbetreiber, so manchen klugen Ratschlag erteilt, dessen heimliche Leidenschaft dem Bau eines Schiffes gilt. Auf diesem Wege entsteht zwischen den beiden gegensätzlichen Männern sogar sowas wie Freundschaft.


Beurteilung der Zeichnung / Textdarstellung
Die Geschichte beginnt morbide mit dem Tod des Krämers Felix Ducharme und dessen Beerdigung. Auf insgesamt 15 Seiten ziehen bedrückende Bilder ohne Dialoge an einem vorbei: zuerst düstere, in denen der Tod Einzug hält, dann belebte, als sich die Trauergemeinde um das Grab schart und zum Schluss herzergreifende mit der Witwe, die vor dem Zubettgehen traurig das Bild ihres verstorbenen Gatten betrachtet. Fröhliche, arbeitsame und geschwätzige Alltagsszenen bilden anschließend den totalen Kontrast zum trostlosen Einstieg. Man sieht die Dörfler beim Verrichten ihrer Arbeit unter freiem Himmel. Diese Bilderfolge wimmelt nicht nur mit Menschen, erst die Gänse, Schafe, Pferde, Schweine, Hunde und Katzen machen die Idylle vollkommen. Farblich dominieren warme Brauntöne vom allgegenwärtigen Holz und gedecktes Gelb-Grün der Wiesen. An den gerade erst knospenden Bäumen ist der Frühling zu erkennen.
Eine meiner Lieblingsszenen ist Maries erste Autofahrt, die mich zum Schmunzeln brachte. Sehr schön wird darin sowohl ihre Trauer und Unsicherheit als auch ihre Beherztheit zum Ausdruck gebracht. Sie sitzt stocksteif mit angestrengtem, tränenverschleierten Blick dicht hinter dem Lenkrad, das ihre Finger fest umklammert halten, gleichzeitig tritt sie ordentlich in die Pedale, so dass ihr Pick-up eine hohe Staubwolke hinter sich aufwirbelt und auch mal ins Hüpfen gerät, wenn sie mit viel zu hoher Geschwindigkeit über einen Stein fährt.

Mit der Rückkehr der arbeitstüchtigen Männer aus den Wäldern, wo sie mit Holzschlagen für den Lebensunterhalt ihrer Familien sorgen, hält gleichzeitig der Sommer in Notre-Dame Einzug. Die Kolorierung ist nun eine Nuance heller als im Frühjahr, das Grün leuchtender, der Himmel intensiver blau, wenngleich immer noch angenehm pastellig, niemals zu bunt oder grell.
Das alljährliche, sommerliche Tanzfest bildet einen weiteren Höhepunkt. Auf mehreren Seiten kann man die vergnügten, tanzenden und schlemmenden Menschen betrachten, ohne dass Dialoge von den Bildern ablenken würden. Einzig ein paar Liedtexte sind in gezackte, mit Notenschlüssel angereichte Textblasen gesetzt. Doch das Vergnügen ist nicht von Dauer, denn plötzlich bricht eine Schlägerei los, ein ausgestreckter Arm mit geballter Faust prangt bedrohlich vor dem Auge des Betrachters und die ob des unerwarteten Geschehens erschreckten Gesichter der Dorfbewohner rücken schattenhaft in den Hintergrund (Seite 60). Dank dem beherzten Eingreifen des Pfarrers kann der Tumult schnell geschlichtet werden. Anschließend vollzieht sich auf den Seiten 64-65 in diffusem Licht und gespenstischer Atmosphäre die stumme 'Aussprache' der beiden Raufbolde, die alles angezettelt hatten.

Der erneute Jahreszeitenwechsel deutet sich ab Seite 72 an: bunt verfärbte Blätter wirbeln überall umher und die Männer verrichten noch letzte dringende Arbeiten, bevor sie erneut in die Wälder aufbrechen. Die letzte Seite ist ins fahle, blaugraue Licht des Winters getaucht, erste dicke Schneeflocken fallen vom Himmel – man sieht Marie bei einer Fahrt mit dem Pick-up einen Mann samt seinem Motorrad auflesen…

Die Zeichnungen ähneln Kinderbuchillustrationen. Sie sind nicht augenfällig schön, eher eigenwillig, aber äußerst liebevoll akzentuiert. Die Menschen in „Das Nest“ haben knollige oder krumme Nasen, spitze Münder, Glubschaugen und abstehende Ohren, trotzdem oder gerade deswegen schaut man sie gerne an, denn erst ihre Unvollkommenheit macht sie so liebenswert und sympathisch – ja, menschlich. Man fühlt sich ihnen nahe, lacht und weint mit ihnen, sie wiederum nehmen den Leser mit auf eine Reise in eine längst vergangene Zeit, wo die Welt noch in Ordnung schien.

Bei umfangreicheren Dialogen werden die rechteckigen Textblasen auf zwei aufgeteilt und teilweise mit dicken Balken verbunden, was einem einerseits das Gefühl nimmt, mit zu viel Text erdrückt zu werden, andererseits ist diese Handhabe erst einmal gewöhnungsbedürftig, insgesamt aber beim Lesen nicht sonderlich beeinträchtigend.


Aufmachung des Comics
Es handelt sich um eine gebundene Ausgabe im DIN A4 Format, die harten, kartonierten Umschlagdeckel sind hochglänzend. Auf dem Cover ist die von Trauer gezeichnete Marie in ihrem Krämerladen zu sehen; insgesamt fällt es für meinen Geschmack zu dunkel aus und vermittelt womöglich einen falschen Eindruck vom Innenteil, der zwar gedeckt, aber niemals zu düster koloriert ist. Die Seiten im Innenteil sind glatt und matt glänzend, was beim Lesen mit künstlichem Licht zu Spiegelungen führen kann, sie liegen aber sehr angenehm und griffig in der Hand.

Auf den Vorsatzblättern vorne und hinten findet sich ein Lageplan von Notre-Dame am See und Umgebung, der aufzeigt, wo die einzelnen Familien wohnen. Als weitere Besonderheit wird dem Leser gleich zu Anfang auf zwei Seiten sehr anschaulich demonstriert, wie die Zeichnungen entstanden sind. In der ersten Phase skizziert Régis Loisel mit wenigen Strichen die Szene vor, in der zweiten erteilt ihr Jean-Louis Tripp mit Tiefe und Akzentuierung den nötigen Schliff.


Fazit
Wer realistische, alltägliche Geschichten mit liebenswerten Figuren jeglichen Alters liebt, hat mit der nostalgisch angehauchten Serie „Das Nest“ genau das Richtige für sich gefunden. Hier steht nicht laute Action im Vordergrund, es sind eher unspektakuläre Szenen, die einen mit anrührenden Bildern und leisem Humor 'durch die Hintertür' verzaubern.


5 Sterne


Hinweise
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