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Lieber Herr Askani, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben.

Sie lektorieren und betreuen für Klett-Cotta den Bereich der Fantasy-Literatur. Ein großes Genre mit oft sehr ähnlichen, immer wiederkehrenden Motiven: viele Völker zum Beispiel gleichen sich sehr und werden in verschiedenen Romanen immer recht ähnlich beschrieben. Gibt es überhaupt noch etwas Neues in diesem Bereich? Oder ist der Markt langsam gedeckt?

Es gibt bestimmende, zentrale Motive, die immer wiederkehren in der Fantasy. Die Kunst besteht darin, aus diesen - oft altbekannten - Elementen etwas ganz eigenständiges und neues zu machen. „Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss ist da ein ganz hervorragendes Beispiel: Rothfuss arbeitet mit vielen klassischen Motiven des Genres: Ein Waisenjunge, der sich allein durchschlagen muss, der Kampf mit einem Drachen, eine Zauberuniversität, die heroische Liebe zu einem hübschen Mädchen. Der Roman wird im Herbst als Spitzentitel bei Klett-Cotta erscheinen. Ich nenne ihn, weil Rothfuss es schafft, aus diesen Motiven einen ganz eigenen Stoff zu weben. Etwas Neues, auf eine sehr gewitzte Art nie da gewesen.
Ein anderes Beispiel ist „Die Brautprinzessin“ von William Goldman: Ein Buch, das alle klassischen Elemente bündelt und auf die Spitze treibt. „Die Brautprinzessin“ ist eine Art Liebeserklärung an das Genre der Fantasy. Alle wichtigen Zutaten fügen sich zu einem spannenden, überraschenden Neuen zusammen. Und es wird  zu recht als „witzigstes Buch der Welt“ angesehen.


Was macht Ihrer Meinung nach gute Fantasy aus?

Gute Fantasy ist vor allem gut erzählt. Das ist das Wichtigste.
Tolkien zum Beispiel – der erfolgreichste Fantasy-Autor überhaupt –, ist vor allem ein hervorragender Erzähler. Das wird jeder, der den „Hobbit“ oder „Herr der Ringe“ verschlungen hat, bestätigen können. Aktuell haben wir Tolkiens „Die Kinder Húrins“ veröffentlicht. Solche Titel bleiben relevant, noch nach Jahrzehnten. Denn nicht zuletzt ist der Erzähler Tolkien immer auch gemütvoll. Seine Figuren gehen uns sehr nahe, gerade, weil sie Schwächen haben und nicht vollkommen sind. Große Geschichten werden oft getragen von Charakteren, die man nicht mehr vergisst. Figuren, die für etwas stehen. Briony in Tad Williams’ „Shadowmarch“ zum Beispiel. Oder Nevare aus Robin Hobbs „Schamanenbrücke“. Da spürt man: In diese Figuren haben ihre Autoren sehr viel hineingelegt an Gedanken und Empfindungen. Viel mehr, als es bräuchte, um nur einem bestimmten Handlungsstrang zu folgen.


Gibt es etwas, dass Sie sich vom Genre wünschen würden? Suchen Sie etwas Bestimmtes, das Ihnen bisher gefehlt hat?

Ich suche die ganze Zeit. Und Überraschungen sind ein ganz zentraler Reiz von Fantasy. Aber was einem gefehlt hat, das merkt man oft erst, wenn man ihm begegnet. Wie gesagt: der eigene Atem, diese fremde, packende Stimme – das ist die große Stärke von Patrick Rothfuss’ „Der Name des Windes“. Und das zeichnet auch viele anderen Autorinnen und Autoren aus, wie ich sie mir wünsche: Mut zur Eigenständigkeit.


Wieviele Lektoren arbeiten bei Klett-Cotta im Bereich Fantasy?

Ich verantworte diesen Bereich als fester Lektor. Dazu hole ich mir noch oft den Rat und die Empfehlungen von einem ausgezeichneten Genrekenner von außen ein. Das Programm wird  abgestimmt mit Michael Zöllner, einem unserer beiden neuen verlegerischen Geschäftsführer im Verlag. Wir entscheiden gemeinsam darüber, welche Fantasytitel in das Programm passen. Auch die Vertriebsleitung gibt eine Stellungnahme zu jedem Projekt ab.


Als Lektor lesen und beurteilen Sie sehr viele Manuskripte. Aber das ist nur ein Teil des Jobs? Was machen Sie genau?

Lesen, viel telefonieren, Projektplanungen zusammenstellen, Vorschautexte verfassen, Termine koordinieren, mit Agenturen verhandeln, Übersetzeraufträge vergeben, Manuskripte redigieren, Korrekturen zusammentragen, Kontakte auf der Buchmesse pflegen , Bücher auf den Vertretertagungen vorstellen usw.   


Sie sichten Titel aus dem Ausland, sprechen mit Agenturen und Autoren. Aber ich gehe davon aus, dass sie auch viele unverlangte Manuskripte zugesandt bekommen.

Ungefähr 200 im Jahr.


Werden diese Texte gelesen? Oder landen sie gleich im Papierkorb?

Jedes Manuskript wird angeschaut. Manche kürzer, manche länger. Und natürlich dauert es in der Regel einige Wochen, bis der Autor oder die Autorin von uns eine Rückmeldung erhält.


Ist es schon vorgekommen, dass ein solches Manuskript verlegt wurde?

Ich bin mit einigen Autorinnen und Autoren unverlangt eingesandter Manuskripte im Gespräch. Mal sehen.


Es heißt, bereits die ersten Seiten würden zeigen, ob ein Manuskript Potenzial hat. Woran erkennt man das?

Die ersten Seiten entscheiden viel. Zum Beispiel, ganz einfach, ob man Lust hat, weiter zu lesen. In dieser Hinsicht ist das als Lektor nicht anders als bei jedem anderen Leser.


Schreiben Sie im Falle einer Ablehnung eine individuelle Antwort an den Autor oder verwenden Sie Standardschreiben?

Das würde unsere Kapazitäten völlig sprengen, nein. Individuelle Absagen sind leider nicht möglich.


Jungautoren stellen ihre Texte nicht selten auch ins Internet. Oft in Autoren-Foren, um sich Feedback und Kommentare von Lesern geben zu lassen. Gilt ein Text – aus Sicht eines Verlages – bereits als veröffentlicht, sobald er in einem Forum steht? Hat der Autor dann keine Chance mehr auf eine Veröffentlichung im Verlag?

Nein, das würde ich nicht sagen: Auch Tad Williams hat eine frühe Version von „Shadowmarch 1. Die Grenze“ ins Internet gestellt. Das muss nicht schaden.


Wenn Sie sich entschieden haben, mit einem Manuskript zu arbeiten - welche Arbeiten fallen dann an?

Redigieren, die Änderungen mit dem Autor bzw. dem Übersetzer absprechen, die Druckfahnen korrigieren, Korrekturen zusammenführen und abgleichen. Dann die Revision der Fahnen. Und schließlich das Imprimatur.


Wie verläuft die Zusammenarbeit zwischen einem Autor und dem Lektor?

Das ist ganz unterschiedlich. Teilweise arbeiten ein Lektor und ein Autor sehr intensiv gemeinsam am Text. Oft, bei fremdsprachigen Titeln, ist natürlich auch  der Übersetzer sehr eingebunden.


Sind manche Autoren sehr empfindlich, wenn ihr Manuskript kritisiert wird und blocken ab?

Empfindlichkeiten gibt es durchaus. Und das ist auch verständlich: Schließlich ist ein Roman ja quasi ein Kind des Autors. Es spricht, denke ich, für einen Autor, wenn er daran hängt.


Sie helfen den Büchern – und damit auch den Autoren – auf die Welt. Doch auf dem Schutzumschlag steht der Name des Autors. Im Innenteil sind der Übersetzer, Illustrator und der Gestalter des Umschlags erwähnt. Der Name des Lektors steht nirgends. Ist das nicht ein wenig enttäuschend?

Nein, es ist sogar ganz angenehm, im Hintergrund zu arbeiten.


Ist Genre-Literatur sehr gefragt im Moment? Haben Fantasy-Romane besonders gute Chancen auf eine Veröffentlichung?

Grundsätzlich ist der Markt für Fantasy am Wachsen. Es gibt eine große Lesergemeinde. Aber auch viele Gelegenheitsleser.


Haben Sie Tipps für Autoren, die ihr Manuskript einem Verlag anbieten möchten?

Große Erzähler fallen nicht einfach vom Himmel. Deshalb empfehle ich jungen Autoren, sich Vorbilder zu suchen und Reibungsflächen. Eine genaue Lektüre der großen Werke von Tolkien, Tad Williams, T.H. White. Erst in der Auseinandersetzung mit den Großen kann einer auch wirklich einen eigenen Stil entwickeln.


Ich danke Ihnen für das Interview.

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