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Hallo Frau Bertels. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben.

Sie lektorieren für den Loewe-Verlag Jugendbücher. Eine Grenze zwischen Jugend- und Erwachsenenbüchern zu ziehen ist meiner Meinung nach nicht mehr so einfach. Es scheint zunehmend so genannte „All-Age-Bücher“ zu geben. Werden Jugendbücher Ihrer Meinung nach immer erwachsener oder tauchen Erwachsene immer häufiger in Fantasie-Welten ein?

Die meisten der sogenannten All-Age-Bücher erscheinen ja im Bereich Fantasy, Phantastik oder Science Fiction, wie etwa die Bücher von Stephanie Meyer, Cornelia Funke oder Kai Meyer, so dass ich sagen würde, dass Erwachsene, Kinder und Jugendliche hier ein Genre gefunden haben, in dem sich einfach alle treffen. Im Übrigen hat es phantastische Literatur für Erwachsene schon immer gegeben, wohingegen es dieses Genre in der Kinderliteratur gerade in Deutschland über viele Jahre eher schwer hatte. In den siebziger Jahren war Michael Ende mit der Unendlichen Geschichte wohl der einzige Autor, der das versucht hat. Der jetzige Fantasyboom wurde erst durch den Erfolg der Harry Potter Bücher ausgelöst.
Im übrigen halte ich Fantasy durchaus nicht für eskapistisch. Häufig werden hier ganz existentielle Themen angesprochen, die ältere und jüngere Menschen gleichermaßen berühren.


Welche Kriterien muss ein Buch erfüllen, um als Jugendbuch zu gelten?

Jedes Buch muss zuallererst mal eine gute Geschichte gut erzählen, ganz egal an wen es sich wendet. Spezifisch für ein Jugendbuch erscheint mir, dass es wenigstens einen jugendlichen Protagonisten hat. Dementsprechend werden Themen angesprochen, die für diesen Protagonisten und damit eben für sehr junge Menschen relevant sind. Aber Sie haben Recht: Jugendliche werden heute viel schneller erwachsen, daher gibt es wohl keine Themen mehr, die für Jugendliche tabu wären oder die in einem Jugendbuch nicht angesprochen werden dürfen.


Für Filme gibt es ein gesetzlich vorgeschriebenes Mindestalter, bei Büchern findet man eine empfohlene Altersangabe sehr selten und dann auch nicht auf dem Buch, sondern auf der Verlagshomepage. Wäre es sinnvoll, eine Altersfreigabe für Bücher einzuführen?

Das Mindestalter bei Filmen ist nicht gesetzlich vorgeschrieben, sondern wird von der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft festgelegt. Häufig sind diese Altersfreigaben ja auch sehr umstritten, denn auch die Filmwirtschaft hat ein Interesse daran, dass möglichst viele Menschen in die Kinos gehen. Aber was wollen sie denn auch „freigeben“. Literatur ist ja ein Schritt in eine fiktive Welt, in der Gefühle und Handlungen quasi stellvertretend nachempfunden werden können, aber immer vermittelt durch einen Erzähler oder eben das Medium Buch. Jeder kann für sich selbst entscheiden, wie weit er gehen möchte, und das Buch auch wieder zuklappen, denn literarische Bilder werden sich niemals so unverschämt in unseren Kopf drängeln wie die viel unmittelbareren Fernseh- oder Filmbilder. Und wenn ein Buch uns dennoch einmal „nicht loslässt“, dann ist auch das vielleicht eine wichtige Erfahrung.
Wir schreiben keine Altersangaben auf unsere Bücher, weil wir keine Leserkreise ausschließen wollen. Kinder- und Jugendbücher werden in Deutschland aber sehr sorgfältig ediert und ich denke, dass allein durch die Gestaltung des Umschlags oder die Ausstattung sehr eindeutig suggeriert wird, ob es sich eher um ein Kinderbuch handelt oder um ein Jugendbuch.


Wieviele Lektoren arbeiten im Loewe-Verlag im Jugendbuchbereich?

Zur Zeit sind wir zwei Vollzeit und zwei Halbtagskräfte. Hinzu kommt noch unsere Taschenbuchkollegin, denn in unserem Taschenbuchprogramm erscheinen auch Jugendbuchoriginalausgaben, allerdings nicht nur.


Nun zu Ihrer Aufgabe als Lektorin: Viele gehen davon aus, dass eine Lektorin bzw. ein Lektor ausschließlich dazu da ist, Manuskripte zu lesen und zu beurteilen. Was machen Sie genau?

Natürlich lesen wir sehr viel. Nicht nur eingesandte Manuskripte, sondern auch die Bücher der Konkurrenzverlage. Häufig fängt unsere Arbeit aber schon an, lange bevor ein Manuskript geschrieben ist, denn – was die wenigsten wissen – viele Ideen für Bücher entstehen bei uns im Verlag oder wir konzeptionieren gemeinsam mit unseren Autoren ein neues Buch oder eine Buchreihe. Die Hauptaufgabe ist dann die Begleitung des Manuskripts bis zur Druckfreigabe, also das Lektorat, die intensive Zusammenarbeit mit Autoren ggf. Übersetzern und Illustratoren, das Briefing für die Gestaltung des Covers, das Schreiben von Rückseiten und anderen Werbetexten, Kontrolle der Satzfahnen, die Zusammenführung der Korrekturen, bis die Fahnen zum Druck freigegeben werden können.


Wieviele Manuskripte landen im Jahr auf Ihrem Schreibtisch?

Im Jugendbuch bekommen wir jährlich ca. 120 Angebote aus dem Ausland und über unsere Agenturen ca. 10 bis 15 Manuskripte von deutschen Autoren angeboten. Die sogenannten „Unverlangten“ kommen noch dazu.


Ich gehe davon aus, dass Sie viele unverlangte Manuskripte zugesandt bekommen. Wieviele sind das ungefähr?

Im letzten Jahr haben wir bei Loewe über 1200 „Unverlangte“ bekommen, ich schätz, dass der größte Teil davon auf das Kinder- und das Jugendbuch entfallen sind.


Werden unverlangt eingesandte Manuskripte überhaupt gelesen oder landen diese gleich im Papierkorb?

Bei uns werden alle „Unverlangten“ tatsächlich auch gelesen, allerdings nicht ganz, denn wenn ein Manuskript auf den ersten 20 Seiten nicht überzeugen kann, wird es das auch später nicht tun. Mit der Zeit bekommt man ein ziemlich sicheres Gespür dafür. Auch danach landet nichts im Papierkorb, sondern die Autoren bekommen einen Absagebrief, und das Manuskript wird zurückgeschickt, vorausgesetzt, sie haben einen Umschlag mit Rückporto beigelegt.


Schreiben Sie im Falle einer Ablehnung eine individuelle Antwort an den Autor oder verwenden Sie Standardschreiben?

Kinder und Jugendliche bekommen einen etwas netteren Standardbrief, in den ich auch schon mal eine individuelle oder persönliche Antwort einflechte. Der Antwortbrief für Erwachsene ist freundlich aber nicht individuell formuliert und sehr, sehr endgültig. Viele erwarten von uns Tipps, wie sie ihr Manuskript verbessern können, aber die kann ich nun wirklich nicht geben, denn schließlich bezahlt mich mein Verleger ja dafür, dass wir Bücher machen, die später auch erscheinen, und nicht für die, die wir ablehnen.


Ist es schon vorgekommen, dass ein solches Manuskript verlegt worden ist?

In meinen 12 Berufjahren einmal.


Es heißt, dass bereits die ersten Seiten zeigen, ob ein Manuskript Potential hat. Woran erkennen Sie, ob ein Manuskript gut oder schlecht ist?

Ein schlechtes Manuskript erkennt man sofort: Es wird eine Geschichte erzählt, die es schon irgendwie gibt, die Idee ist also nicht mehr wirklich neu; der Stil ist langweilig oder schlecht, die Figuren flach und klischeehaft, die Dialoge steif und unrealistisch. Es ist schwerer zu sagen, wann ein Manuskript gut ist: Einfach, wenn man ab Seite 20 Lust hat weiterzulesen, auf die Geschichte neugierig ist und die Figuren lieb gewonnen hat.


Wer entscheidet letztendlich, ob ein Manuskript angenommen wird oder nicht?

Unsere Verlagskonferenz, bestehend aus dem Verleger, der Programmleiterin, der Presseleiterin, dem Vertriebsleiter und dem Herstellungsleiter. Der Vertrieb hat dabei eine ganz wichtige Funktion, denn alle tollen Bücher, die wir machen, müssen ja auch die Buchhandlungen erreichen und dort verkauft werden können. Wir haben bei Loewe auch ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Vertreterinnen an der „Verkaufsfront“.


Wieviele Projekte betreuen Sie durchschnittlich im Jahr?

Im Loewe Jugendbuchprogramm erscheinen ca. 25 bis dreißig Titel im Jahr, die wir unter uns aufteilen.


Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektor vorstellen?

Sehr, sehr intensiv!


Sind manche Autoren sehr empfindlich, wenn ihr Manuskript kritisiert wird und blocken ab? Haben manche Autoren Extrawünsche?

Das ist ganz unterschiedlich. Die meisten sehen aber, wie wichtig ein sorgfältiges Lektorat ist, denn je komplexer ein Text ist, umso eher schleichen sich Fehler ein.


Was würden Sie sich von einem Autor in Bezug auf die Zusammenarbeit wünschen?

„Meine“ Autoren sind da eigentlich alle sehr professionell und lassen keine Wünsche offen.


In Amerika sind Literaturagenturen Gang und Gebe. Sehen Sie Vorteile darin, ein Manuskript von einer Agentur – statt direkt vom Autor – angeboten zu bekommen?

Auch bei uns werden Autoren und Manuskripte häufig von Agenten angeboten. Für die Vertragsgestaltung ist das vorteilhaft. Autoren sind ja kreative Menschen und geben sich gar nicht so gern mit Dingen wie Vertragslaufzeiten, Honorarstaffeln etc ab. Das kann man dann häufig besser mit einem Agenten besprechen. Die Arbeit am Manuskript mache ich dann mit dem Autor. Für uns ist auch der Vorteil, dass die Agenturen ja schon mal eine Vorauswahl treffen.


Sie helfen den Büchern – und damit auch den Autoren – auf die Welt, doch auf dem Buchumschlag steht der Name des Autors, auf der Innenseite sind Übersetzer, Illustrator und Buchdesigner erwähnt. Der Name des Lektors steht nirgends. Ist das nicht ein wenig enttäuschend?

Nein.


Haben Sie Tipps für Autoren, die Ihr Manuskript einem Verlag anbieten möchten?

Sich über die Verlage informieren, denen man ein Manuskript schickt, und kritisch hinterfragen, ob das eigene Werk wirklich in dieses Verlagsprogramm passt.
Möglichst ein Exposé mit einer kurzen Inhaltsangabe und einer literarischen Einordung beilegen und einen Lebenslauf des Autors.
Viel Geduld haben, denn es kann Monate dauern, bis eine Antwort kommt.
Vorsichtig sein, bei Verlagen, die einen Druckkostenzuschuss verlangen.


Ich danke Ihnen für das Interview.

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