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Ein eigenartiger Kontinent ist das Europa der Könige: Hier kann ein König von England, der kein Englisch spricht, auf die Idee kommen, die Pläne eines kein Spanisch sprechenden Königs von Spanien zu durchkreuzen, indem er dem kein Polnisch sprechenden König von Polen anbietet, König von Sizilien zu werden. Hier residiert die Macht in überfüllten Schlössern, deren Höflings-Bewohner sich den ganzen Winter über um das Recht streiten, in Gegenwart der Königin auf einem Hocker sitzen zu dürfen, bevor sie im Sommer losziehen, um an der Spitze knallbunt uniformierter Truppen direkt in das Musketenfeuer der Kriegsgegner hineinzumarschieren. Hier lebt eine Gesellschaft, in der ein Edelmann, der erst mit dreiundzwanzig Jahren feststellt, keinen Vornamen zu haben, weniger auffällt als einer, der seine Frau mit ihrem Vornamen anredet. Hier schart sich der höfische Adel um Herrscher, die in einem dichten Netz aus diplomatischen Beziehungen, Intrigen und Verschwörungen gefangen sind: Nationalität und Ideologie sind ihnen nichts, die eigene Dynastie dagegen alles.

Leonhard Horowski führt uns kenntnisreich und unterhaltsam durch untergegangene Welten, deren Bewohner er auf die Schlachtfelder des Krieges wie auf die der Heiratspolitik begleitet; er folgt Edelleuten und Prinzessinnen durch labyrinthische Palast-Korridore und sieht zu, wie mit Duellen und Zeremonien Politik gemacht wurde. Er zeichnet ein schillerndes Porträt des Adels in jener Epoche, als er noch keine natürlichen Feinde kannte - im Europa der Könige, das an sich und seinem dynastischem Denken schließlich gescheitert ist.

 

Das Europa der Koenige 


Autor: Leonhard Horowski
Verlag: Rowohlt
Erschienen: 10. März 2017
ISBN: 978-3498028350
Seitenzahl: 1120 Seiten

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Umsetzung, Verständnis und Zielgruppe
In diesem Sachbuch zur Sozial- und Kulturgeschichte der frühen Neuzeit zeichnet der Historiker Leonhard Horowski das Abbild einer längst vergangenen Epoche, die aber auch heute noch viele Menschen interessiert und fasziniert. Worum es ihm dabei im Einzelnen geht, legt er gleich zu Beginn in seiner „Vorbemerkung“ dar:

Zitate S. 10-12: „Man erfährt in der Beschäftigung mit den Monarchien der Frühneuzeit viel über die Geschichte der Staatsbildung, der Diplomatie, des Krieges, der Familienstrukturen oder der Geschlechterbeziehungen […] Die ständig präsenten Höflinge, die über die Generationen immer wiederkehrenden Namen der großen Familien gehören zum Mobiliar unserer Erzählung […] Und vor dieser Kulisse spielt sich nun das größte Drama ab, die eigentliche Tragikomödie dieser versunkenen Welt: das Zusammenleben und -arbeiten der geborenen Herrscher mit ihren geborenen Helfern, das mehr oder weniger gelungene Hineinwachsen der Mächtigen in die Rollen, die ihnen der Zufall zugewiesen hatte.“

Es ist eine Fülle von Namen und Informationen, mit denen der Leser sich auseinandersetzen muss. Gewisse Vorkenntnisse über die verschiedenen europäischen Dynastien, samt ihren verwandschaftlichen Verflechtungen und die historischen Zusammenhänge der geschilderten Zeit wären hierbei von großem Vorteil. Es gibt zwar zwei sehr detaillierte Stammtafeln der regierenden Herrscherhäuser, aber dort erscheinen tatsächlich nur die Namen der Monarchen, ihrer Ehepartner und ihrer legitimen Nachkommen. Eine Ausnahme bilden dabei lediglich die unehelichen Kinder Ludwigs XIV. mit Madame de Montespan, weil der König sie mit Familienmitgliedern verheiratet und damit praktisch legitimiert hat.

Die überwiegende Mehrheit der aufgeführten Personen findet man dort also nicht und auch das umfangreiche Namensverzeichnis hilft nicht sehr viel weiter. Von daher erfordert das Lesen ein hohes Maß an Konzentration und Hintergrundwissen. Die Heiratspolitik des Hochadels war schon kompliziert genug - ist aber historisch Interessierten vielleicht teilweise bekannt - mit wem die verschiedenen Minister und Hofbeamten ihre Kinder und Enkel verheiratet haben, eher weniger. Doch gerade diese Frage war damals von größter Wichtigkeit, um in der Hierarchie beständig aufzusteigen und nimmt daher einen breiten Raum ein. Aber auch alle anderen Aspekte des Lebens der hohen und höchsten Herrschaften dieser Zeit werden thematisiert und ausführlich dargestellt.

Leonhard Horowski hat eine ganz eigene Art zu erzählen, die man so bei einem Sachbuch eigentlich nicht erwartet. Er plaudert mit seinem Publikum, indem er es auffordert, sich bestimmte Situationen vorzustellen oder zu überlegen, was wohl Goethe 100 Jahre später zu einem besonderen Thema gesagt hätte. Er fabuliert, wenn er z.B. die Gedanken schildert, die Ludwig XIV. durch den Kopf gehen, während er durch das nächtliche Schloss zum Schlafzimmer seiner Geliebten schleicht. Er zieht Parallelen zur Gegenwart, wenn er Ankündigungen von der Kanzel – die damals die schnellste Möglichkeit der Nachrichtenübermittlung waren – mit der „Klatschpresse“ von heute vergleicht.

Die 20 Kapitel verteilen sich über zwei Jahrhunderte und die unterschiedlichsten Länder, wobei viele Personen mehrmals vorkommen, je nachdem, wohin sie geheiratet haben oder wie ihre Karriere sich sonst entwickelt hat. Der Autor hat hierfür spannende, interessante und auch oft humorvolle „Anekdoten“ ausgesucht. Dabei lässt er aber den geschichtlichen Hintergrund zu keiner Zeit außer acht und vermittelt dem Leser einen tiefen Einblick in die historischen Ereignisse und Zusammenhänge dieser Epoche und ihre Auswirkungen auf die Mächtigen Europas, die teilweise noch bis heute fortbestehen.  


Aufmachung des Buches
Das Buch beeindruckt durch eine sehr umfangreiche Gestaltung. Es ist in festes Leinen gebunden und zeigt auf beiden Innendeckeln die ausführlichen Stammtafeln der europäischen Herrscherhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts. Auf das Inhaltsverzeichnis folgt die Vorbemerkung des Autors zur Einführung in das Thema. Es schließen sich 20 Kapitel an, deren Überschriften auf das darin geschilderte Geschehen hinweisen und die des Weiteren mit Daten und Ortsbezeichnungen versehen sind, bevor ein kurzer Epilog das Ganze zum Abschluß bringt. Das Hardcover hat 1120 Seiten. Dazu kommen 16 Doppelseiten mit den farbigen Portraits der bekanntesten Persönlichkeiten der damaligen Zeit, teils ganzseitig, teilweise auch drei Bilder pro Seite. Zu jeder Abbildung gibt es eine kurze Erklärung.

Der Anhang enthält ein Verzeichnis der Feudal- und Amtstitel – angefangen vom Kaiser bis zum niederen Adel, - eine Auflistung der wichtigsten Hofämter beiderlei Geschlechts, die Offiziersdienstgrade des Ancien Regime, mehrere Seiten Nachweise für Quellen, Literatur und Bilder, eine Danksagung des Autors und abschließend  eine 32seitige Liste sämtlicher Personen in alphabetischer Reihenfolge. Auf dem Schutzumschlag sind einige der hohen Herrschaften - um die sich in diesem Buch alles dreht - wie in einer Collage zusammen abgebildet. Ein Lesebändchen rundet die hervorragende Ausstattung ab.


Fazit
Ein sehr informatives, lehrreiches, mitunter sogar amüsantes Buch für historisch interessierte Leser, die sich in der geschilderten Zeit bereits auskennen. „Geschichtsneulinge“ dürften sich damit allerdings etwas schwer tun.


4 5 Sterne


Hinweise
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