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»Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Arbeitnehmer in diesem Land, die gezwungen sind, zu ihrem Arbeitsplatz zu pendeln, fühlen sich seit Jahrzehnten als Geiseln einer unfähigen Behörde, die sich Straßen.NRW nennt und uns alle quält. Diesen Spieß werde ich jetzt umdrehen. Denn einen Stau von Zeit zu Zeit, den hält jeder aus. Aber Sie, Herr Dr. Weissfeldt, sollen ein Gefühl dafür bekommen, wie das ist, diese Situation täglich ertragen zu müssen. Morgens und abends wieder, wenn man sich nach Hause sehnt, zu seiner Mutter und seinen Tieren, und stattdessen auf der A 40 steht.«

Zwei Kaninchenfreunde und Staugegner haben den Chef einer Landesbehörde entführt. Kommissar Georg Schüppe und der Reporter Tom Balzack tun alles, um das Leben der Geisel zu retten. Doch der Kampf gegen die Zeit und die Staus fordert Opfer …    

 

Die Abbieger 

Autor: Thomas Schweres
Verlag: grafit
Erschienen: 02/2017
ISBN: 978-3894254858
Seitenzahl: 285 Seiten


Die Grundidee der Handlung
Der Rückentext des vierten Bandes um den Reporter Tom Balzack und den Kommissar Georg Schüppe sagt schon eine Menge über die Richtung aus, in die dieser Krimi geht: Der etwas zurückgebliebene Klaus-Werner Lippermann, genannt Klausi, begeht sein erstes Verbrechen, indem er den Chef von Straßen.NRW entführt und ihn zwingt, sich täglich auf der A 40 durch die Staus zu quälen. Seine Forderungen sind nicht überwiegend materieller Art, stattdessen will er dafür sorgen, dass die Bewohner des Ruhrgebiets mehr Freizeit durch weniger Staus haben. Ein aberwitziges Unterfangen …

Im Gegensatz zu den bisherigen Fällen für Georg Schüppe, die sich mit hochbrisanten, aktuellen Problemen der Gesellschaft beschäftigen und neben allem Humor durchaus sehr ernste Hintergründe haben, ist „Die Abbieger“ eher ein Stück wahnwitzige Realsatire. Zwei Amateurgauner wollen die Welt verbessern und geraten von einer schrägen Situation in die nächste – das ist zugleich höchst lesenswert und für alle Staugeplagten besonders im Ruhrgebiet topaktuell.


Stil und Sprache
Alles beginnt damit, dass Klausis Kaninchen Molly und Whitey brutal ermordet werden. Schwer erschüttert von diesem Schicksalsschlag gerät Klausi ins Grübeln und findet schnell einen Schuldigen dafür, dass er nicht mehr Zeit mit seinen Lieblingen verbringen konnte: Straßen.NRW, die seiner Meinung nach für hunderte Stunden Stau verantwortlich sind. Das alles schildert Thomas Schweres in seinem typisch trockenen Stil, fast emotionslos und gerade deshalb so komisch.

Überhaupt merkt man gleich, dass dieser Krimi anders ist als die Bände davor. Anders als sonst weiß man als Leser von Anfang an, wer die Täter sind und was sie im Sinn haben. Es geht also nur noch darum, ob und wie die Ermittler, in diesem Fall Balzack und Schüppe, die Entführer schnappen werden. So entwickelt sich neben der etwas anderen Krimihandlung so etwas wie ein wahnwitziges Roadmovie voller schräger Ideen. Genial der Einfall, die beiden Kaninchenfreunde in einem Auto mit der – im Ruhrgebiet bestens bekannten – Aufschrift „Flotte Karotte“ und einer riesigen Mohrrübe darauf fliehen zu lassen…

Spannung gibt es zwar auch, aber die tritt häufig zugunsten von absolut aberwitzigen Situationen in den Hintergrund, man kann sich auch einfach nicht vorstellen, dass dieser Fall NICHT gut ausgehen könnte. Nichtsdestotrotz ist das Finale eines Krimis überaus würdig und ich hoffe nur, Kommissar Schüppe macht seine Drohung nicht wahr, in den vorzeitigen Ruhestand gehen zu wollen.


Figuren
Klaus-Werner Lippermann alias Klausi hat eine Mission und die setzt er um, egal was kommt. Er mag nicht die hellste Kerze auf der Torte sein, aber neben aller kriminellen Energie besitzt er doch einen Funken Anstand und einen etwas schrägen Sinn für Gerechtigkeit. So ist er nicht einmal wirklich unsympathisch, obwohl er hier ja eindeutig der „Böse“ ist. Sein Kumpel Freddy hingegen hat wenig Skrupel und außerdem ein Faible für gewalttätige Aktionen, das ihn am Ende allerdings auch einholt. Die beiden stehen dieses Mal im Mittelpunkt der Handlung, was Tom Balzack und Georg Schüppe etwas in den Hintergrund rücken lässt. Hinzu kommt außerdem, dass weitere Nebenfiguren mehr in den Fokus rücken, etwa Chris, der als Toms Sohn gern in dessen Fußstapfen treten würde. Oder Amin Gültekin, Georg Schüppes Kollege, den aufmerksame Leser schon aus vorherigen Fällen kennen.

Allen gemeinsam ist, dass Thomas Schweres ihnen mit wenigen Worten ein Gesicht gibt, sie vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden lässt. Den typischen Menschenschlag des Ruhrgebiets stellt er schonungslos dar, ohne dabei bösartig zu sein; vielmehr spürt man neben scharfzüngigem Humor eine deutliche Verbundenheit zu den Charakteren durchschimmern, die er beschreibt. Er ist eben einer von uns …


Aufmachung des Buches
Das Taschenbuch ist verlagstypisch aufgemacht und überwiegend schwarz, die oberen zwei Drittel zeigen – auf den Kopf gestellt – eine Stauszene in Dortmund in grünes Licht getaucht. Der Titel ist als Autobahnschild in blau gestaltet, sehr passend. Innen gibt es nach einem Personenverzeichnis 58 nummerierte Kapitel und ansonsten keine Besonderheiten.


Fazit
Mal etwas ganz anderes, unerwartet, aber nicht schlecht gemacht. Thomas Schweres weiß zu überraschen und ebenso gut zu unterhalten. Absolut lesenswert!


4 5 Sterne


Hinweise
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Backlist:
Band 1: Die Abtaucher
Band 2: Die Abräumer
Band 3: Die Abdreher

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