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Sie fühlte sich von ihm angezgen, und das beunruhigte sie. Dieser Junge sah einfach unverschämt gut aus. So einem fühlte Agnes sich heute nicht gewachsen. Dafür war der Tag zu anstrengend gewesen.

Ein junges Mädchen auf dem spannenden und nicht immer einfachen Weg zum Erwachsensein. Provozierend, berührend, Mut machend.


 Autor: Asta Scheib
Verlag: dtv
Erschienen: 06/2009
ISBN: 978-3-423-21145-1
Seitenzahl: 172 Seiten 


Die Grundidee der Handlung
In der U-Bahn sieht Agnes ihn zum ersten Mal, Simon Wolff. Er sorgt für reichlich Tumult, weil er ein scharfes Sashimi-Messer offen und nicht gerade achtsam in seinem Rucksack durch die Gegend trägt. Er sieht unverschämt gut aus und Agnes fühlt sich irgendwie von ihm angezogen. Aber sie kennt diese Sorte Jungs. Arrogante Angeber, total abgehoben, egozentrische Spinner eben… So wird sie ihn auch sicher nicht auf einen Cappuccino ins 'Freiheit' begleiten.
Während die beiden noch an der Haltestelle plaudern, fährt Simons Vater im großen Auto vor, um seinen Sohn aufzulesen. Als dieser Agnes bemerkt, fixiert er sie auf eine Art und Weise, die nicht nur Agnes unangenehm auffällt. Auch Simon findet das Verhalten seines Vaters äußerst merkwürdig.
Schließlich geht jeder seines Weges – Ende der Geschichte? Nein, noch lange nicht! Denn Simon taucht wieder auf. Agnes bemerkt, dass er gar nicht so übel ist. Und auch Lorenz Wolff gibt so schnell nicht auf und sucht weiterhin den Kontakt zu Agnes.
Agnes umzingelt von Wölffen, dabei hat sie doch ganz andere Sorgen und Nöte…


Stil und Sprache
Asta Scheib widmet sich in „Agnes unter den Wölffen“ dem Leben der sechzehnjährigen Agnes Ruge. Fünfzehn Kapitel drehen sich voll und ganz um Erlebnisse, Erfahrungen und Rückschlüsse des jungen Mädchens und ihrer Freunde, Bekannten und Verwandten. Eigentlich eine begrenzte Welt, doch Agnes hat schon einiges mitmachen müssen. Es war und ist nicht immer leicht für den Teenager, aber Asta Scheib verdeutlicht, dass ein Mensch, mit seinen Problemen konfrontiert, reift.
Obwohl das Buch in dritter Person Singular aus Sicht von Agnes gehalten ist, entsteht schnell eine Nähe zwischen Leser und Hauptfigur des Romans, wie sie sonst eher der Ich-Perspektive zuzuschreiben ist. Viele Gedankengänge, Hinterfragungen, sowie dargestellte Reaktionen im Hinblick auf Denken und Handeln lassen unmittelbar an den unterschiedlichen Situationen im Buch teilhaben.
Die Autorin beschreibt Familien und Beziehungen, wie sie vermutlich zu Hauf in ganz Deutschland existieren. Nichts ist perfekt, auch nicht, obwohl es nach Außen zunächst den Anschein erweckt. Sehr deutlich wird dabei hervorgehoben, dass man auch mit Geld kein Glück kaufen kann. Denn obwohl gut situiert oder gar wohlhabend, haben eben auch jene Familien ihre Schwierigkeiten im Miteinander. Asta Scheib zeigt dies beispielsweise anhand der Familien Ruge, Wolff, Hornig und Wagner.
Auch wenn hier viele Schwierigkeiten, Probleme und Brennpunkte auf einmal zur Sprache kommen, bilden diese jedoch glaubhaft die verschiedenen Facetten der Gesellschaft wider. Es wirkt weder überladen, noch klischeehaft. Die Autorin findet genau das richtige Maß der Dinge.
Dank moderner, junger Sprache lässt sich der Roman schnell und flüssig lesen.


Figuren
Im Zentrum des Romans steht die sechzehnjährige Agnes Ruge. Sie ist bereits jetzt, in jungen Jahren, vom Leben geprägt. Teils hängt sie an der Vergangenheit, schwimmt in der Gegenwart und blickt mal hoffnungsvoll, mal hoffnungslos gen Zukunft. Agnes musste schnell erkennen, dass das Leben ein paar unliebsame Überraschungen bereithält. Mutter Juliane und Vater Michael ließen sich scheiden. Das Sorgerecht wurde der Mutter zugesprochen. So musste Agnes nicht nur von ihrem geliebten Heim, sondern auch von ihrem Vater Abschied nehmen. Dieser Abschied wurde sogar endgültig, als Michael Ruge kurze Zeit später starb. Fortan war das Leben in weniger guten finanziellen Verhältnissen an der Seite einer eher gefühlskalten, wenig interessierten Mutter wenig tröstend. Zudem kamen krankheitsbedingte Strapazen für und durch Juliane hinzu und auch der neue Freund der Mutter, Andreas, kann ihr keinen Halt bieten. Agnes plagt unbändige Sehnsucht nach der Vergangenheit, die nicht zuletzt durch den Tod Michael Ruges unwiderruflich verloren ist. Sie neidet ihren Freunden die vermeintlich heilen Elternhäuser, in denen die Grundbedingungen Vater, Mutter, Kinder und ausreichend Geld erfüllt sind. Doch geht es Simon, Lula, Danda und Patti wirklich so viel besser als ihr?
Simon muss sich um das Finanzielle keine Sorgen machen. Sein Zuhause wirkt auf Agnes wie ein Tempel voller Reichtümer. Doch Vater Lorenz Wolff, Betreiber einer Fabrikation für Sportswear, hält seinen Sohn, der bereits eine äußerst abwechslungsreiche Schulkarriere hinter sich hat, für einen kompletten Versager. Simon, dessen Ziel der Besuch einer Kunstakademie ist, kann seinem Vater keinen Respekt zollen. Mutter Wolff hat grundsätzlich nichts zu sagen, was Lorenz Wolff sagt und tut ist ganz einfach Gesetz. Und dann ist da noch Vater Wolffs Vorliebe für Agnes, die ihn zwanzig Jahre zurückblicken und sämtlichen Anstand vergessen lässt…
Iris und Klaus Wagner sind seit siebzehn Jahren miteinander verheiratet. Um ihre Kinderschar Lula, die Zwillinge Anton und Leonie, auch Toni und Loni gerufen, und die zweijährige Mascha, auch liebevoll ‚der Baby’ genannt, zu bewältigen, beschäftigen die Eltern regelmäßig ein Au-Pair-Mädchen. Am ungarischen Au-Pair namens Katalin fand Klaus Wagner jedoch etwas zu viel Gefallen…
Auch Danda, eigentlich Alexandra, stammt aus einem gut situierten Elternhaus, hat einen jüngeren Bruder und eine ältere Schwester. Eigentlich, sagt sie, ist ihre Familie in Ordnung – doch warum haut sie dann ständig ab, gerät in den Strudel von Drogen und präsentiert jeden Tag eine neue Verkleidung, um aufzufallen?
Bei Patti Hornig wohnen gleich mehrere Generationen unter einem Dach. Sie kann Party machen, wann immer sie lustig ist, da ihre Mutter ständig auf Reisen ist, um der häuslichen Situation zu entfliehen. Und der Opa steckt ihr immer mal wieder ein wenig Geld zu. Alles prima? Woher kommen nur Pattis offensichtliche Essstörungen?
Bei genauerer Beobachtung erkennt auch Agnes, dass Schein nicht gleich Sein ist.


Aufmachung des Buches
Asta Scheibs Roman „Agnes unter den Wölffen“ ist anlässlich des 70. Geburtstages der Autorin als Wiederauflage im Taschenbuchformat beim Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen. Das Cover zeigt ein junges Mädchen sitzend in der U-Bahn. Sie trägt legere Kleidung: Blaue Jeans, dunkle Kapuzenjacke über rotem Shirt und blaue Wollmütze auf dem Kopf. Ihr Blick aus dem Fenster schweift in die Ferne, wirkt sehnsüchtig und leicht melancholisch. Über dieser Szenerie prangt in roten Lettern der Titel des Buches. Neben dem Mädchen steht der Hinweis ‚Zeit der Liebe, Zeit der Träume’. Das Cover wirkt insgesamt sehr offen und durch großzügig verwendetes Weiß erfrischend hell. Das Motiv passt meines Erachtens gut zum Romaninhalt.


Fazit
Bei „Agnes unter den Wölffen“ handelt es sich um eine sehr menschliche Charakterstudie eines jungen Mädchens inmitten weit verbreiteter gesellschaftlicher und familiärer Probleme. Von typischen Teenager-Eltern-Konflikten über erste Liebe und Freundschaft, das Leben im Allgemeinen und dem Tod im Besonderen, sowie Vertrauen und Verrat bis hin zu Ehre, Moral und Gerechtigkeit – dieser Roman ist vielseitig wie das Leben. Intensiv, direkt und authentisch.



Hinweise
Rezension von Patricia Merkel
Herzlichen Dank an den Deutschen Taschenbuch-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


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